Rosenheim – Mit der Inszenierung von Edward Albees Klassiker „Die Zoogeschichte“ wagt sich das Theater INNszenierung im Künstlerhof an ein tiefgründiges Zwei-Personen-Stück. In den Hauptrollen brillieren Jonathan Specht als Peter und Jamal Braun als Jerry. Beide Schauspieler geben im Interview spannende Einblicke in ihre Rollen und die Herausforderungen dieses besonderen Stücks.
Was wäre,
wenn…?
Jonathan Specht spielt Peter, einen Verleger. Er beschreibt seine Rolle als die eines typischen Geschäftsmannes, der in sich ruht – bis er auf einmal einen „Störkörper“ in Form von Jerry wahrnimmt. „Was mich an dieser Figur besonders gereizt hat, ist die Frage: Was wäre, wenn ich mich damals anders entschieden hätte?“, erklärt Specht. Damals, das ist eine Anspielung auf Edward Albees Prologstück „Zu Hause im Zoo“, welches der Autor erst nachträglich geschrieben hat. Die Regie, Sebastian Kießer, lege großen Wert darauf, diese Facette in der Figurencharakterisierung zu zeigen. Stellenweise werden auch Zitate aus dem Prologstück mit in den Text gewoben, um die Tiefe der Charaktere auszuweiten. Im Laufe von „Die Zoogeschichte“ wird Peter durch Jerrys Konfrontationen gezwungen, sich mit seinen verdrängten Traumata auseinanderzusetzen. „Er kann dem Stück für Stück nicht mehr auskommen“, so Specht. Die Begegnung mit Jerry markiert für Peter einen Wendepunkt. „Peter stellt fest, dass er seiner Vergangenheit nicht weglaufen kann“, fügt der Schauspieler hinzu.
Besonders fasziniert zeigt sich Specht vom zentralen Thema des Stücks: Heimat. Für ihn erlebt Peter Heimat nicht nur als einen physischen Ort, sondern auch in seinen Lebensstrukturen. „Er fragt sich, ob seine Heimat anders aussehen könnte, wenn er andere Entscheidungen getroffen hätte“, reflektiert Specht.
Die besondere Herausforderung eines Zwei-Personen-Stücks sieht Specht in der intensiven Zusammenarbeit mit seinem Spielpartner und der permanenten Bühnenpräsenz. „Man muss sich als Mensch zurücknehmen und hinter die Rolle treten“, sagt er.
Jamal Braun sieht in Jerry eine vielschichtigere Figur als nur einen Störenfried. Jerry spiegelt, in seinen Augen, die Probleme und Ängste der westlichen Gesellschaft wider. „Für mich ist Jerry ein Sinnbild für diese Ängste, wohingegen Peter für die westliche Gesellschaft steht“, erklärt Braun. In der intensiven Auseinandersetzung zwischen den beiden Figuren zeigt sich das Spannungsverhältnis zwischen unterschiedlichen Lebenswelten.
Auf die Frage, wie er sich auf Jerrys anspruchsvolle Monologe vorbereitet, antwortet Braun pragmatisch: „Text lernen. Machen. Ausprobieren und proben.“ Seine Methode, eine Rolle zu entwickeln, ist unkonventionell, aber intuitiv. „Ich suche erstmal das Orgasmus-Gesicht der Figur. Wenn ich das habe, dann kommt der Rest meistens von ganz alleine“, verrät er schmunzelnd.
Aufgegeben
in der Suche
Jerry, so Braun, hat sich aufgegeben in der Suche nach einem Platz in der Welt. „Er existiert einfach und konfrontiert ausgerechnet Peter damit, der vorgibt, einen Platz gefunden zu haben“, erläutert er. Ziel seiner Darstellung ist es, im Publikum Fassungslosigkeit hervorzurufen – eine Reaktion, die gut zu Jerrys erschütternder Existenz passt.
Auf die Frage, wie die Zusammenarbeit zwischen den beiden Darstellern verlief, kommt es zu einem lachenden „Gut“ aus beiden Mündern. Doch Jonathan Specht ergänzt: „Ich hatte am Anfang Peter eher als introvertierten, für sich selbst lebenden Menschen interpretiert.
Erst während der Proben habe ich bemerkt, dass er auch ein abgebrühter Geschäftsmann ist.“ Braun hingegen schätzt die Freiheit des Theaters: „Ich erlebe immer Momente, in denen ich Figuren neu entdecke – auch noch während der Aufführungen. Das liebe ich am Theater.“
Schauspieler
kehren gerne zurück
Beide Schauspieler sind keine Unbekannten in Rosenheim und kehren gerne zurück. Jonathan Specht schätzt die Kombination aus der „schönen Altstadt“ und der „spannenden Begegnung von gesettelter Stadtkultur mit einem jungen Theater, das die Grenzen des Möglichen auslotet“. Für Jamal Braun ist es die ideale Möglichkeit, die Theaterlandschaft außerhalb Münchens zu beleben: „Als jemand, der privat nicht gerne reist, ist es perfekt, aus München rauszukommen und die Theaterlandschaft gehörig aufzumischen.“
„Die Zoogeschichte“ verspricht, ein intensives Theatererlebnis zu werden, das die Zuschauer nicht so schnell vergessen werden.