Traunstein – Von den vielen Kammermusikformationen ist das Klaviertrio eine der diffizilsten. Es genügt nicht, drei Könner ihres Fachs zusammenzuspannen, um ein echtes, symphonisch miteinander kommunizierendes Ensemble zu bilden, auch wenn die Könner Antje Weithaas (Violine), Marie-Elisabeth Hecker (Cello) und Dénes Várjon (Klavier) heißen und den vierten Tag der Sommerkonzerte bestreiten.
Feinabstimmung in der Intonation und klangliche Balance
Für ein Trio von Gewicht und Qualität braucht es Feinabstimmung in der Intonation, der Vibratokultur, der klanglichen Balance untereinander. All dies hatten die drei Musiker in hohem Maße. Wenn dazu noch eine stupende, scheinbar mühelose Virtuosität dazukommt sowie eine überbordende Spielfreude, ist es genug, um das Publikum im nahezu ausverkauften Kulturforum Klosterkirche restlos zu begeistern. Zwei der gespielten Trios waren Geburtstagsgeschenke: Mit dem d-Moll-Trio op. 63 beschenkte Robert Schumann 1847 seine Frau Clara, mit dem c-Moll-Trio op. 66 beschenkte Felix Mendelssohn Bartholdy 1845 seine Schwester Fanny. Als hübsche Verschnürung diente das einleitende Klaviertrio in G-Dur von Claude Debussy – ein frühes Werk, doch sehr spät entdeckt, nämlich 1982, also 64 Jahre nach dem Tod des Komponisten. Das Vorbild Robert Schumann schimmert überall durch, nur ist alles leichter, eleganter, französischer. Das Anfangsthema schlängelt sich hinauf und hinunter und wird dann immer feuriger, der zweite Satz ist eine Art Zupf-Tanz mit Trillern, jähen Motiv-Abrissen und einem lyrischen Mittelteil, der dritte Satz singt und singt und das Finale schäumt über. Die oben erwähnte Feinabstimmung der drei Musiker ist perfekt, alle zeigen eine erlesene Pianokultur, die Streicherinnen glänzen mit schlackenlos reinem singendem Ton mit ausgeklügelter Vibrato-Abstimmung, der Pianist weiß, wann er sich zurückhalten muss und wann er in die Vollen greifen darf. Für die klangliche Balance untereinander sorgen sie auch mit Blickkontakten und körperlichen Zuwendungen. Jeder lässt den Vortritt dem, der das Thema hat, alle stürzen sich gemeinsam in die leidenschaftlichen Aufschwünge im rhythmischen Gleichschritt und im dynamischen Gleichklang. Der Pianist versinkt oft in die Tastatur, die Geigerin spielt immer hochkonzentriert auf der Stuhlkante, immer wieder hebt es sie vom Stuhl, sie reckt sich empor und stampft mit den Füßen auf, die Cellistin treibt es melodisch beschwingt hin und her: Alle fühlen, erleben und gestalten die Musik mit dem ganzen Körper.
Vor allem dann auch im gefühlsstürmischen Schumann-Trio (Nietzsche wirft Schumann nicht umsonst „Trunkenboldigkeit des Gefühls“ vor) mit dem himmelstürmenden Anfangsthema, das dann ganz überraschend in fahle, vom Klavier sanft akkordisch umspielte Streicherklänge abstürzt, um sich gleich wieder in einen Gefühlsstrudel hineinzustürzen. Auch im wilden Ritt des zweiten Satzes bleiben die drei sattelfest. Den dritten Satz beginnt die Geige verhalten schluchzend, worauf das Cello in tränenblindem Gesang antwortet, alles unendlich schön, unendlich zart und unendlich hingebungsvoll, wie ein Gespräch zweier Liebender.
Mit Feuer einerseits und mit Innigkeit andrerseits gestalten Antje Weithaas, Marie-Elisabeth Hecker und Dénes Várjon das Mendelssohn-Trio. Emphatisch lassen sie das Thema aus den vom Klavier virtuos gespielten Arpeggien emporsteigen, das Andante espressivo ist wie ein Lied ohne Worte auf drei völlig gleichwertige Instrumente verteilt, mitreißend, spritzig und wirbelnd ist der Sommernachts-Elfenspuk im Scherzo.
Finale mit Choral
„Vor Deinen Thron tret’ ich hiermit“
Im Finale bietet Dénes Várjon am Klavier echte Grandezza, alle entwickeln eine Klangfülle wie ein ganzes Kammerorchester, den Choral „Vor deinen Thron tret‘ ich hiermit“, den Mendelssohn hier einbaut, stellen die drei gut vorbereitet und deutlich heraus, bis sich alle in einen wahren Spielrausch hineinsteigern: Mit Jubel und Bravorufen bedankten sich die Zuhörer für dieses dreifache Geschenk.