Traunstein – „Möge das Saxophon die klassischen Bühnen dieser Welt erobern“ – dass Adolphe Sax‘ Traum im Jahr 1840 nach der Erfindung des Saxophons Wirklichkeit wurde, verdankt er virtuosen Instrumentalisten, die seinen Mut und Einfallsreichtum weitertreiben. Das Arcis Saxophon Quartett zeigte beim 5. Konzert der Traunsteiner Sommerkonzerte im Kulturforum Klosterkirche, dass dieses Blasinstrument mit den klanglichen Möglichkeiten eines Streichquartetts schritthalten kann. Die vier klassisch ausgebildeten Instrumentalisten, Claus Hierluksch am Sopransaxophon, Ricarda Fuss am Altsaxophon, Anna-Marie Schäfer am Tenorsaxophon und Jure Knez am Baritonsaxophon, blicken auf 15 gemeinsame Jahre zurück – und präsentieren sich als zusammengewachsener Klangkörper, der sich derart locker-lustig durch alle Genres und Epochen spielt, dass vermutlich die Engelein im Himmel ihre Geigen durch Saxophone eintauschen mögen. Ein Himmel voller Saxophone? Warum eigentlich nicht. Rock mit elektronischer Musik gemischt, Jazz sowieso, ein spannender Aha-Effekt mit der Interpretation von Astor Piazzollas „Libertango“ oder seinem lyrischen Tango „Oblivion“, auch Ravels „Bolero“ erklang in Auszügen einer Eigenkomposition heraus. Und waren da nicht Passagen aus Gershwins „Ein Amerikaner in Paris“ zu hören? Ohne den edlen Vorläufer, die klassische Musik mit ihrem Variationsreichtum als Grundlage aus den Augen zu lassen, schafft das Quartett ein aufregend neues Klangspektrum. Sax wäre begeistert.
Unter dem Motto „Quirky Nightclub Chronicles“ startete das Programm mit einer klangbunten Bearbeitung von Frank Zappas „G-Spot Tornado“. Dazu bespielte das Quartett vier digitale Aerophone und nutzte technische Finessen, um der Nummer klangliche Runderneuerung zu verpassen. „Quirky“, zu Deutsch „spleenig“, geht als perfekte Beschreibung dessen durch, was das Hörerlebnis ausmachte. Dann wurde es kulinarisch: „Tapas“, eine Komposition von Marc Mellits, stellte das klangliche Pendant zum mediterranen Appetithappen dar: Klanglich verkostet wurde schwülstig Romantisches, Chili-Scharfes mit jagendem Drive, aber auch bodenständige Anklänge – Sätze statt Gänge, einer schmackhafter als der andere.
Leicht verdaulich und durchaus „nervig“ im positiven Sinn, stellte auch Erwin Schulhoffs „5 Stücke“ die Synapsen auf Neuentdeckungsmodus: Mal ruhige, mal lärmende Auseinandersetzung mit mannigfaltigen Themen und Emotionen, die sich in hohen und tiefen Tonlagen auf kontrastierende Weise überlagern, ineinanderfließen, um am Ende den gemeinsamen Ton zu finden. Klasse! Noch näher an das Publikum rückte das Quartett mit einem Zwischenspiel: Zu „Night Music“ von Emma O’Halloran durften die Gäste mit Händen und Füßen, wohl dirigiert zu Funk- und Soulfetzen, eine Klangkulisse aus Wind-, Regen- und Gewittergeräuschen beisteuern. Das Beste zum Schluss: Piazzolla à la Sax zum Niederknien schön interpretiert – das hallt nach, entfesselt Begeisterung und ebnet den Weg immer neugierig zu bleiben. Nicht jede musikalische Innovation sprüht Funken.
Dieses Arcis Quartett zündete im Kulturforum ein wahres Feuerwerk. Die Zugabe „Patchwork“ als letzte Rakete über dem Traunsteiner Nachthimmel klangfunkelte den mitgerissenen Sommerkonzertgästen den Heimweg.Kirsten Benekam