Traunstein – Am Ende der Traunsteiner Sommerkonzerte im Kulturforum Klosterkirche kam ein begeistertes Konzertpublikum zum 44. Mal zu der Einsicht, dass Klassische Musik ein wahres Wunderding ist: Sie elektrisiert, sie inspiriert, sie beglückt. Das Organisationsteam zeigte sich hoch zufrieden. Nach sieben gut besuchten Konzerten, die von renommierten Musikerinnen und Musikern abwechslungsreich gestaltet, allesamt bestens ankamen, ging offenbar keinem die Luft aus.
Im Gegenteil, das Motto gebende Element „Luft“ wehte im letzten Konzert noch einmal eine laue Sommerbrise um die weit geöffneten Ohren der Musikliebhaber. Der Abschied vom (Musik)Sommer fällt schwer.
Fröhlich
und leicht
Für den finalen Höhepunkt zeichnete das Gringolts Quartett verantwortlich und hatte Werke dreier Komponisten dabei: Joseph Haydn, Valentin Silvestrov und Johannes Brahms. Ganz Haydn war man im ersten viersätzigen Werk, dem Streichquartett EDur op.17/1 Hob. III:25 – der große Komponist kann’s auch fröhlich und leicht und die Interpreten nahmen es ebenso, schickten rhythmisierte Verzierungen, liedhafte Bewegungen, fast tanzbar, auf alle Fälle mitreißend, mit frischem Lüftchen gen Chiemsee, dessen Wasser sich vom musikalischen Lüftchen berührt, kräuselte und funkelte.
Wer (hin)hört und kein Stein ist, fühlt und spürt, wie intensiv sich das Ensemble mit dem Werk beschäftigt hat: Für Ilya Gringolts und Anahit Kurtikyan (Violinen), Silvia Simionescu (Viola) und Claudius Herrmann (Violoncello) war das Musizieren ein gemeinsamer Atem. Den Zuhörern verschlug es diesen, denn beim folgenden Werk war alle Leichtigkeit hinweg, dafür machte sich eine schwermütige Grundstimmung breit. Gute Musik nimmt mit. Das Streichquartett von Valentin Silvestrov kommt wie ein schwerer Traum daher, aus dem nicht leicht Erwachen ist – eine bedrohliche Grundstimmung, erzeugt von langgezogenen Linien in tiefer Tonart, die von dissonanten Störmomenten einzelner Instrumentalstimmen furios durchzogen, fast „nerven“ und aufrütteln. Ein liebliches Thema zu Beginn, hoffnungsvoll harmonisch, hat keine Chance. Wenn auch am Ende des Werks dieser hörbare Lichtstrahl wieder sacht durchschimmern mag, beherrscht Finsternis das musiktheatrale Hörereignis. Der letzte Akt des Abends gehörte Brahms 30-minütigen Streichquartett a-Moll op. 51/2. Und ja, Brahms war ein Perfektionist und stellte an sich selbst die größten Erwartungen. Bis er mit seinem kompositorischen Schaffen zufrieden war, hatte er nach eigener Aussage 20 Quartette als der Gattung unwürdig befunden und wieder zerrissen. Im Jahr 1873 gelang ihm mit den beiden Streichquartetten op. 51 zwar nicht gerade der große Wurf – die zeitgenössische Rezeption war eher ernüchternd.
Wie sehr sie aber bis ins Heute begeistern können, zeigte sich im Kulturforum: Mit erfreulich interpretatorischer Reife huldigte das Gringolts Quartett Brahms – vier Instrumentalstimmen verschmolzen perfekt miteinander, ergänzten sich in sensibler Feinabstimmung und überwältigten zwischen klangschönen, melodieseligen Momenten und lebhaften Intermezzi in den variationsreichen vier Sätzen.
Mit euphorischer
Wucht
Mit dem Finale Allegro non assai waren schließlich auch mit euphorischer Wucht die Traunsteiner Kammermusikreihe beschlossen. Schade.
Zur Abschiedsdreingabe im lebendigen Streicherschönklang gab es Dvoraks Lied „Rings die Natur nun in Schlummer und Träumen“ Op. 83, was den Trennungsschmerz aber kaum abmilderte.