Klangkaskaden auf der Blockflöte

von Redaktion

Zwischen Anspannung und Auflösung – Dorothee Oberlinger und Peter Kofler

Traunstein – Vor einem vollen Haus spielten die weltbekannte und vielfach preisgekrönte Blockflötistin Professor Dorothee Oberlinger und der ebenso international renommierte Organist und Cembalist Peter Kofler beim sechsten Abend der Traunsteiner Sommerkonzerte im Kulturforum Klosterkirche. Gemeinsam verschmolzen sie zu einer musikalischen Einheit, in der jeder Ton stimmte, ob bei gesanglichen Kantilenen oder in den hochvirtuosen Passagen. Elf Blockflöten lagen bereit, und Dorothee Oberlinger spielte jedes Werk auf einem anders gestimmten Instrument von der Sopranino- bis zur Tenorflöte, und je nachdem, ob es sich um Barock- oder Renaissancemusik handelte, auf Blockflöten in Barock- oder Renaissancebauweise.

Farb- und artikulationsreich

Durch all dies brachte sie den jeweiligen musikalischen Charakter besonders zur Geltung. Mit ihrer informativen Moderation sowie farb- und artikulationsreich und mit differenzierten Anblastechniken nahm sie das begeisterte Publikum mit auf eine „Grande Tour“ durch Deutschland, England, Frankreich und Italien. Gleichzeitig zeigte sie – quasi wie in einer genussvollen Lehrstunde –, was die konzertante Blockflöte alles zu bieten hat. Voller Musizierfreude erzählte sie gemeinsam mit ihrem Duo-Partner musikalische Geschichten, die zum assoziativen Motto der Sommerkonzertwoche „Luft“ passten. Ihren langen Atem ließ sie manchmal zur Zirkularatmung werden, einer Technik, die es ermöglicht, lange Passagen ohne Atem-Unterbrechung zu spielen. Zu ihrer perfekt ausgefeilten Technik kam die Gestaltung der Musik, der sie dienend alle Facetten entlockte. Besonders, wenn sie mit dem begleitenden Cembalo dialogisierte oder durch dynamische Veränderungen eine Echowirkung hervorrief, konnten vor dem geistigen Auge der Zuhörer visuell begleitende Bilder aufsteigen. Mit ihrer gezielt eingesetzten Körpersprache unterstrich sie Rhythmus und Phrasierung und bewegte sich bewusst zwischen Anspannung und Auflösung.

Auf Johann Sebastian Bach (1685 bis 1750) baute das Programm wie auf einem Grundstein auf. Nach seiner Suite in c-Moll BWV 997 folgte direkt mit „Windungen“ (einem Anklang an das Motto „Luft“) eine Uraufführung der rumänischen Komponistin Violeta Dinescu ( geboren 1953), in der in einer Hommage an den Barockkomponisten Georg Philipp Telemann (1681 bis 1767) Teile seiner Fantasia verarbeitet sind. Oberlinger spielte hier – im doppelten Sinn – mit Atem, Anblastechnik und Stimme.

Die Reise durch Deutschland wurde eindrucksvoll beschlossen mit modernen Klangmanifestationen und einem augenzwinkernden Schluss in der Toccata für Cembalo solo von Harald Feller (geboren 1951), Koflers Orgellehrer während seines Studiums in München. Mit einem „Prélude non mesuré“ von Louis Couperin (1626-1661) für Cembalo solo im französischen Teil tauchte der Cembalist fast meditativ ein in diese Musik der Barockzeit.

Der musikalische Aufenthalt in England begann mit „Engels Nachtigaeltje“ von Jacob van Eyck (1590-1657), auf das attacca ein Arrangement für Tenor-Renaissance-Blockflöte und Cembalo der Sarabande „Lascia chio pianga“ von Georg Friedrich Händel folgte, verarbeitet für Cembalo von William Babell (1690-1723) und zusätzlich für Blockflöte durch die Künstler selbst. Auf den letzten Ton folgte direkt die Cembalo-Einleitung zu Daniel Wright (17./18. Jahrhundert) und dessen Solostück für Blockflöte „The Black Joke“. Eine Sarabande von Nicola Matteis (1650-1714) beschloss die Reise durch England.

„Verrückte Lustbarkeiten“ rahmten die Werke der französischen und italienischen Komponisten ein: Bei „Les Folies d’Espagne“ mit einigen Variationen über diese bekannte Melodie von Marin Marais (1656-1728) für Blockflöte solo und derselben Melodie – als „La Follia“ op. 5 Nr. 12 von Arcangelo Corelli (1653-1713) mit etlichen Variationen und Cembalobegleitung bearbeitet – wuchs Oberlinger ein weiteres Mal über sich hinaus und übergab dem Raum perlende Klangkaskaden.

Für Luciano Berios (1925-2003) Werk „Gesti“ aus dem Jahr 1966 für Blockflöte solo habe Dorothee Oberlinger ein Jahr geübt, schmunzelte sie, „wenn man es auch nicht hört“.

Fast ohne
Atemluft

Als „Gesten“ sind wohl die sich über die Grifflöcher bewegenden Finger zu sehen, die zu Beginn fast ohne Atemluft nur gehauchte Töne hervorbrachten. In einer crescendo-Steigerung mit wachsenden Tönen zu den Fingerbewegungen bezog Oberlinger allmählich ihre Stimme mit ein – schnurrend, stöhnend oder jaulend. Für den frenetischen Beifall bedankten sich die Künstler mit zwei Zugaben: ein Virtuosenstück von Corelli und ein getragenes „zur Beruhigung der Gemüter“ von Alessandro Marcello.

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