„Singer-Songwriter ist mein Lebenstun“

von Redaktion

Interview Der österreichische Musiker Peter Cornelius gastiert am 5. Dezember im Kuko

Rosenheim – Peter Cornelius gastiert am Donnerstag, 5. Dezember, mit seiner Band im Rosenheimer Kultur- und Kongresszentrum. Vorab nahm er sich Zeit für ein exklusives Interview für die OVB-Heimatzeitungen.

Hallo, Herr Cornelius. Am 5.Dezember werden Sie in Rosenheim für ein Konzert zu Gast sein – kennen Sie die Rosenheimer Region?

Sicherlich! Dort bin ich oft gewesen und durchgefahren. Ich habe ja von 1983 bis 1988 fünf Jahre lang am Rand von München gewohnt und habe in der Zeit ganz Bayern bereist, das war ein wichtiger Lebensabschnitt. Damals habe ich sehr viel Zeit in der Gegend verbracht, hauptsächlich natürlich am Rand von München.

Das war vermutlich auch die Zeit, in der ich Ihre Musik entdeckt habe – große Hits wie „Segel im Wind“ oder „Du entschuldige, I kenn di“ – damals hat sich wahrscheinlich jedes junge Mädchen gewünscht, so besungen zu werden.

Ja, wahrscheinlich viele. Weil es auch so aus dem Leben gegriffene, bildhafte Formulierungen sind, die im Text vorkommen.

Könnten Sie uns zunächst kurz die Formation vorstellen, die Sie bei ihrem Auftritt im Kuko begleiten wird?

Wir sind zu viert: Drums, Bass und Keyboard – und ich selbst bin Lead-Gitarrist. Ich bin mein ganzes Leben Singer-Songwriter und LeadGitarrist gewesen – aber „Lead“, mit „ea“ geschrieben! Nicht wie das Lied, Sie wissen schon,

Das ist ein schönes Wortspiel! Den Begriff „Liedermacher“ mögen Sie nicht besonders gerne. Darf ich fragen, warum?

Ich hoffe, dass Sie das verstehen können, den gefühlten Unterschied für mich zwischen „Liedermacher“ und „Singer-Songwriter“ . Wenn ich mir die zwei Figuren vorstelle: das Lied und der Macher – die gehen nicht Hand in Hand. Der Begriff „Machen“ ist alt und hart. Und die Liedermacherei bestand für mich im Großen und Ganzen daraus, Texte zu schreiben, die die Musik als Transportmittel verwenden. Der Begriff Singer-Songwriter ist der Einzige, der zutrifft auf das, was ich tue. Da ist es wichtig, dass schon am Intro die ganze Nummer erkannt wird. Ich sage auch nicht „Beruf“ dazu, sondern es ist mein Lebenstun.

Sie sind seit über fünf Jahrzehnten einer der erfolgreichsten Singer-Songwriter im deutschsprachigen Raum, haben unzählige Hits geschrieben und verfügen über ein unglaubliches Repertoire.

Ich war einmal in die Sendung „Chart Show“ von RTL eingeladen und wurde dort aufgeklärt, dass ich der erfolgreichste österreichische Singer-Songwriter aller Zeiten in Deutschland bin. Da ich jemand bin, der nie mit sich selber Statistiken betrieben hat, war mir das nicht klar gewesen. Das war für mich eine Riesenüberraschung. Ich habe Zeitabschnitte eigentlich immer hinter mir gelassen. Um es mit einem Bild aus dem Bergsteigerischen zu sagen: Wenn man sich in der Wand mit dem Seil sichert und das Seil hinter sich immer wieder abschneidet, sodass es kein Zurück gibt. In einem völlig unbekannten Song von mir habe ich einmal den Text geschrieben: „Es ist wie das Betreten neuen Lands mit Verbrennen der Schiffe“. Dieser Song ist nie bekannt geworden – wie viele andere, auf die ich großen Wert lege – aber das ist nun einmal so. Es gibt sehr viele Songs und dadurch auch Texte, die nur einem kleinen Fan-Kreis bekannt sind und natürlich lange nicht so bekannt sind wie meinetwegen „Reif für die Insel“ – das Zitat wird mich überleben!

Dieses Zitat ist ja tatsächlich in den allgemeinen Sprachgebrauch eingegangen.

Ja, ich bestehe immer darauf und sage, dass dieses Zitat von mir ist! Oft meinen die Leute, und sie meinen es gar nicht böse, ja aber das hat es doch immer schon gegeben,

Wie gehen Sie vor, wenn Sie aus diesem schier unendlichen Repertoire Titel für Ihre Konzerte auswählen?

Die ganz bekannten Sachen sind immer mit am Start und ansonsten suche ich einige Sachen aus, an denen mir sehr viel liegt, von den Inhalten her, und an denen mir sehr viel liegt als Gitarrist, wo ich längere Gitarrenteile spiele, so wie bei „Ganz Wien hat den Blues“, wo ich ein längeres Blues-Solo einbaue. Und ganz wichtig ist, vom Inhalt her „Die unbequemen Freund“. Der erste Titel, mit dem wir die Konzerte jetzt immer anfangen, ist „Wann der Wind zum Sturm wird“ – dies ist ein schon etwas älterer Titel – und ich habe wohl dieses Zeitalter schon vorhergeahnt – was ist los mit unserer insgesamten Befindlichkeit? Das ist etwas, was für mich dabei sein muss.

Also es ist Ihnen auch sehr wichtig, dem Publikum etwas zum Nachdenken mitzugeben, nicht nur zu unterhalten?

Ja, das ist sehr wichtig für mich. Deshalb ist das momentan für mich der selbstverständlichste Einstieg. Und wissen Sie, was mir aufgefallen ist? Die Stones beginnen aktuell ihre Konzerte mit „Street Fighting Men“. Das ist ja auch verlinkt mit dem Zeitgefühl – ich könnte jetzt kein Konzert anfangen mit einem Titel, der ausdrückt: Ist doch alles wunderbar. Das ist nicht meine Schreibe und nicht meine Beziehung zum Leben und zu den Um- und Zuständen, die uns umgeben. Jetzt ist wirklich ein Zeitalter, das hätten wir uns eigentlich gerne auch erspart – und da sollten wir drüber reden oder meinetwegen drüber singen. Aber die ganze Entwicklung basiert ja auch auf technischen Innovationen, beispielsweise in der Kommunikation. Die Gesamtentwicklung ist im Grunde genommen wie diese digitale Technologie. Das ist alles nach oben offen. Und diese Technologie wird uns bescheren, dass wir irgendwann überhaupt nicht mehr wissen, was wir sehen und was wir hören – ob es echt ist und ob es in Zusammenhängen existiert. Stichwort künstliche Intelligenz. Als Gesellschaft werden uns Verrücktheiten zugemutet, bei denen wir sagen: Das könnt ihr doch nicht bringen bei Tageslicht und sehenden Auges! Da ist es doch gut, dass ich immer noch meine Humorreserven bemühen kann. Das wünsche ich jedem. Aber man muss trotzdem schauen, was sich da tut.

Interview: Claudia Pfurtscheller

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