Wenn Himmel und Erde sich vermählen

von Redaktion

Kammerchor Rosenheim singt Bachs Weihnachtsoratorium

Rosenheim – So voll sah man die Nikolauskirche selten: Groß war die Freude, endlich in Rosenheim wieder einmal das Weihnachtsoratorium (Teile I-III) von Johann Sebastian Bach zu hören. Christopher Ryser hatte mit dem Kammerchor Rosenheim und einem Barockorchester den Zuhörern diesen langersehnten Wunsch erfüllt. Er schuf mit oft ganztaktigem, weichem und doch höchst suggestivem Dirigat eine flüssige und tänzerisch beschwingte Weihnachtsfreude, die sich vor allem aus dem glänzend besetzten und sehr farbenreichen Orchester speiste. Von Beginn an jubilierten die sehr beweglichen Barocktrompeten und lieferte die erstaunlich wendige Pauke mit Paukenwirbeln nimmermüde rhythmische Energie: wahrlich königliche Instrumente, die einst eben nur den Königen vorbehalten waren.

Trompeten
schmeicheln

In der Bass-Arie „Großer Herr, o starker König“ umschmeichelten die Trompeten glanzvoll und doch weich mit sanften Trillern den Solisten und im Schlusschoral des Teiles I („Ach, mein herzliebes Jesulein“) ließ die Pauke keinen Zweifel daran, dass hier ein König geboren ist.

So bildete die Sinfonia den heimlichen Mittelpunkt: Dunkelglühend bis hell gleißend und immer sämig-dicht war hier der Orchesterklang im flott schwingenden 12/8-Takt, den Ryser zum sanften Wiegen brachte. Dieser für alle Hirtenmusiken charakteristische Takt ist ja selber ein Symbol für die Vereinigung von Himmel und Erde, weil er die göttliche Drei mit der irdischen Vier in Einklang bringt – genauso wie die Musik Engelsmusik und Hirtenmusik vermischt: Geigen und Flöten mit ihrem punktierten Dreier-Motiv, die Oboen, die Schalmeien der Hirten, mit ihrem Seufzer-Motiv: Engel und Hirten, Himmel und Erde vereinigen sich: wunderbar komponiert und wunderschön gespielt.

Allerdings produzierten die Musiker mit dem dreimaligen langdauernden Stimmen ihrer historischen Instrumente spannungsmindernde Pausen – und sie deckten mit ihrem Spieleifer oft den Chor zu, der in allen Stimmen für dieses Oratorium Verstärkung gebraucht hätte. Aber er jauchzte, gut einstudiert, mit großem Verkündigungseifer und dauerndem „frohlockendem Preisen“, wie’s im Text heißt. Den Engelschor „Ehre sei Gott“ nahm Ryser in sangbarem Tempo, das er durchlaufen ließ auch dann, wenn der Frieden auf Erden beschworen wird. Durchlaufen ließ Ryser auch das jubelnde Forte, statt hier in ein ergriffen flüsterndes Piano zu verfallen. Ganz bei sich war der Kammerchor in den Chorälen, die Ryser durchweg kraftvoll-nachdrücklich und durchaus textbewusst singen ließ – auch den Choral „Wie soll ich dich empfangen“, ohne gewichtige Pause davor und ohne die Ergriffenheit, die schon auf die Passion verweist, denn die Melodie ist ja dieselbe wie „O Haupt voll Blut und Wunden“.

Immer gut durchzuhören war Bachs blühender Melodienreichtum in den Unter- beziehungsweise Zwischenstimmen. „Brich an, du schönes Morgenlicht!“ kam nicht als Anfangs-Urgewalt, sondern im mitreißenden Crescendo, das den ersehnten „Frieden“ am Textende so gleichsam aufs Podest hob.

Die drei Arien der Altistin könnten das spirituelle Zentrum bilden. Dem technisch gut geschulten Alt von Veronika Sammer fehlte dafür Fülle und Wärme der Tiefe und dann zuhörends auch die Kraft. Die Wärme übernahm dafür in ihrer dritten Arie („Schließe, mein Herze“) die sehr gefühlvoll spielende Solo-Geigerin. Gestaltungs-Kraft und textdeutende Deutlichkeit hatte dafür der Bassist Manuel Adt für seine Arie „Großer Herr“, wenn ihm auch die Kernigkeit in der Tiefe fehlte. Der mädchenhaft helle Sopran von Anna-Maria Sitte war passend für den Verkündigungs-Engel, aber dann sehr neutral im Duett mit dem Bass.

Strahlendes Weihnachtsfreudenzentrum war der Tenor Lukas Siebert. Leicht metallisch glänzend war sein schlanker und heller Tenor, als hätten die Trompeten ihm etwas Glanz abgegeben: „Die Klarheit des Herren leuchtet“ um die Hirten, sang er und von dieser Klarheit umleuchtet war seine Stimme. Erleuchtend war sein Textbewusstsein: Ganz zärtlich wurde seine Stimme, wenn er von der Geburt erzählte und herzinniglich sang er, dass Maria alle gesagten Worte in ihrem Herzen bewegte – als wären sie jetzt mit Griffeln in Mariens Herz geschrieben.

Halsbrecherische
Koloraturen

Die halsbrecherisch rasenden 32stel-Koloraturen in der Arie „Frohe Hirten, eilt“ nahm er sehr gebunden, so- dass sie eher wie Freudenrufe klangen, begleitet von der wohllautenden Solo-Traversflöte.

Gebannt lauschten die Zuhörer diesem Weihnachtsoratorium voller Wärme und Weihnachtsfreude, die Christopher Ryser mit dem Kammerchor und dem Orchester ihnen geschenkt hatte, und brachen am Schluss in spontanen und langanhaltenden Beifall aus: „Seid froh dieweil“ heißt es im letzten Choral: Alle waren froh dieweil, und dauerfröhlich lachte das Jesuskind in der Krippe vor dem Altar.

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