Vernunft, Verstand und sinnliche Erfahrung

von Redaktion

Vortrag über Goethe und Kant bei der Goethe-Gesellschaft Rosenheim im Rosenheimer Künstlerhof

Rosenheim – „Ich möchte das Kunststück versuchen, ein nicht ganz einfaches Thema verständlich zu machen“, erklärte Professor Jochen Golz bei der Begrüßung der zahlreichen Zuhörer im Künstlerhof am Ludwigsplatz. Tatsächlich wies bereits der Titel seines Vortrags „Goethe und Kant – eine geistige Begegnung gestern und heute“ auf eine anspruchsvolle Materie hin, die der Referent gleichwohl bravourös beherrschte. Golz, Ehrenpräsident der Goethe-Gesellschaft Weimar ist, sprach auf Einladung der Goethe-Gesellschaft Rosenheim.

Zunächst gab Golz einen kurzen Einblick in das Leben des Königsberger Philosophen. Kant, der über seine Geburtsstadt kaum hinausgekommen ist und ein streng geregeltes Leben führte. Kant hatte vielseitige Interessen. So habe er sich mit Mathematik, Physik, Geologie und Mineralogie beschäftigt. Bekannt geworden sei er durch seine Schrift „Was ist Aufklärung?“, in der er die berühmte Maxime „sapere aude“ formulierte: Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen. Berühmt wurden seine Betrachtungen zum ewigen Frieden, seine Kritiken über die reine Vernunft und die Urteilskraft sowie seine Moralphilosophie.

Goethe hat sich schon früh mit Philosophie beschäftigt, etwa mit Spinoza, dessen Gedanken der Einheit von Gott und Natur Goethes persönliche Gottesvorstellung geprägt habe. „Goethe hat das Göttliche in der Natur gesucht, in einzelnen Dingen, Kräutern und Steinen.““, so Golz. Die Liebe Gottes auch zu den Menschen sei ein Impuls aller natürlichen Prozesse, wobei Liebe aus grenzenloser Uneigennützigkeit ohne einen Zweck bestehe.

„Da Goethe von der ‚Hydra der Empirie‘ gefangen gewesen ist, hat er einen Schlüssel für die wissenschaftliche Bewältigung der Naturphänomene gebraucht“, erklärte Golz. Dabei sei ihm Kant zur Hilfe gekommen, dessen Werke Goethe sorgfältig mit Anstreichungen versehen hat. Gleich dem Philosophen ist der Mensch für Goethe ambivalent ohne eine klare Trennung von Gut und Böse: „Die Extreme existieren, damit es eine gute Mischung gibt“.

Kants Prinzipien waren die Vernunft, der Verstand und die sinnliche Erfahrung. „Begriffe ohne Anschauungen sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind“, zitierte Golz Kant.

Für Kant und Goethe sei Natur der Inbegriff des anschaulich Gegebenen. Der Verstand ist auf Anschauung und Sinnlichkeit verwiesen, die Vernunft muss aber nicht kongruent sein mit der sinnlichen Erfahrung. Über die Freiheit des Willens, die Unsterblichkeit der Seele und die Existenz Gottes sei ein Wissen laut Kant nicht möglich. In der schönen Kunst liegt für Kant und Goethe das Wesentliche in der Form. Kunst sei in sich autonom. Die Vernunft allein solle in Kunst und Wissenschaft Gewalt haben, so der Philosoph. Der Mensch verwirkliche sich erst durch die Tat, was Goethe genauso gesehen habe.

Für Goethe ist neben Verstand, Vernunft und Sinnlichkeit die Fantasie eine weitere Hauptkraft. An Freidrich Schiller schrieb Goethe nüchtern resümierend: „Kants Anthropologie ist mir ein sehr werthes Buch und wird es künftig noch mehr sein, wenn ich es in geringern Dosen wiederholt genieße, denn im Ganzen wie es da steht ist es nicht erquicklich“, und weiter heißt es: „Übrigens ist mir alles verhaßt, was mich bloß belehrt, ohne meine Tätigkeit zu vermehren oder unmittelbar zu beleben.“

Georg Füchtner

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