Bad Aibling – Mit Witz und Charme präsentierte Saša Stanišic im Kursaal sein neuestes Buch mit dem liebenswert-umständlichen Titel „Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorne“. Stanišic ist bereits zum zweiten Mal Gast in der Region. Bereits 2019 las er auf Einladung des Buchladens „Bücher Johann“ als frisch gebackener Träger des Deutschen Buchpreises im Ballhaus Rosenheim aus seinem Roman „Herkunft“.
Literaturpreis mit
111 Flaschen Riesling
Stanišic freute sich über die zahlreichen Preise, die er bereits erhalten hat, und die erneute Einladung: „Wenn Johann anruft, dann komme ich.“ Ein Preis, den Stanišic schon 2017 bekam, würde allerdings nie erwähnt, so Stanišic. Das sei der Rheingauer Literaturpreis, der neben einem Preisgeld auch 111 Flaschen Rheingauer Riesling beinhaltet habe.
Den merkwürdigen Titel seines neuesten Buches erklärte Stanišic damit, dass er sich schon immer für Friedhöfe, Epitaphe und Grabsteine interessiert habe. „Im Sauerland und Saarland zeigt die Art und Weise, wie man eine Gießkanne abstellt, ob man jemanden kennenlernen will“, so Stanišic amüsiert. Denn niemand wolle ja allein sein im Alter, wenn der Partner oder die Partnerin gestorben sei.
Zuerst las der smarte Autor eine Geschichte, in der vier Jugendliche mit Migrationshintergrund in Heidelberg abhängen und sich mögliche Zukünfte ausmalen. Die vier fragen sich in einem Weinberg bei sommerlicher Hitze, wie super es wäre, wenn es einen Proberaum für das Leben geben würde. Für einen großen Geldbetrag könne man sich einloggen und dann zehn Minuten in die Zukunft sehen. „Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, wie ein Leben verlaufen kann“, erklärt Fatih seinen Freunden. „Und dass jemand, auch so jemand wie wir, niemals gute zehn Minuten erleben wird, das kann einfach nicht sein. Für manche ist das Glück bloß umständehalber spärlicher gesät.“ Wenn man sich anstrenge, so Fatih weiter, damit die gute Zukunft eine Chance habe, werde sie auch wahrscheinlicher. Die zweite, dem Buch den Titel gebende Geschichte, die Stanišic mehr spielte, als las, handelte von einer älteren Dame, die nach dem Tod ihres Mannes zunächst allein lebt und keinen Kontakt mehr sucht, bald aber froh ist, wieder Kontakt zu finden. Genau beobachtet sie ihre Umgebung, erlebt die Absurdität des Alltags und ist schließlich wieder bereit für eine neue Liebe.
Fakten und Fantasie
vermischen sich
In den Geschichten vermischt Stanišic Fakten und Erfundenes, Erinnerung und Fantasie. Stets erzählt er anteilnehmend und warmherzig. Manchmal wirkten sein Wortwitz, seine originellen Einfälle und die Raschheit seines Vortrags fast ein wenig kabarettistisch. Auf der Bühne bewegte er sich mit jugendlich anmutendem Schalk quicklebendig hin und her und schmunzelte oft über seine eigenen Pointen. Das Publikum folgte dem sympathischen Autor, der anschließend noch bereitwillig seine Bücher signierte, in einer Mischung aus Amüsement und Nachdenklichkeit und spendete am Ende anhaltenden Applaus.