Rosenheim – Als der Feuerwehrhauptmann zu rappen beginnt, beginnt die Auflösung des Theaterstückes und damit die endgültige Auflösung der Realität, der Sprache und des Sinns: Aus dem Riesenfernseher kommen absurde Sätze, die die Personen wiederholen, bis die Wörter und Silben in bloße Artikulationslaute zerfallen, die Akteure toben herum, zerstören das Bühnenbild und liefern sich am Ende eine wilde Kissenschlacht: Die Theaterinsel Rosenheim spielt „Die kahle Sängerin“ von Eugéne Ionescu. Dieses absurde Theaterstück spiegelt die Absurdität unserer Welt wider.
Groteske
Rollenverteilung
Ionescu wollte die Tragik der Sinnlosigkeit betonen, der Regisseur Robert Reichert, der hier sein Regie-Debüt abliefert, wollte das Groteske daran betonen, also: Lachen erlaubt, ja gewünscht. Grotesk ist schon einmal die Rollenverteilung: Männer spielen Frauen und umgekehrt. Reichert ließ sich dabei vom Text inspirieren: „Was würdest du sagen, wenn Männer dasselbe täten wie Frauen: den ganzen Tag rauchen, sich pudern, Lippenrot auflegen und Whisky trinken?“, fragt Mr. Smith Mrs. Smith.
Und übergrotesk sind die vogelwild-spießigen und überkandidelt farbigen Kostüme (Sarah Fischbacher) sowie die völlig verrückten Perücken, die sich vielleicht vom Stücktitel leiten lassen: „Was macht die kahle Sängerin?“, wird da gefragt. Antwort: „Sie trägt immer noch die gleiche Frisur.“
Wenn Mr. und Mrs. Smith sich in ihrem chaotisch vollgemüllten Wohnzimmer völlig sinnfrei unterhalten, kommt noch nicht viel Spannung oder Heiterkeit auf. Das liegt unter anderem daran, dass Viktoria Reichert (mit dichtem Vollbart, Stirnbinde und im Sportlerlook) ihren Text nicht so ausstellt, prononciert, ja verkündet, wie es nötig ist, um die Absurdität zu begreifen und damit zu verlachen. Andreas Reichert (mit blonder Perücke und roten Puschen) gelingt dies besser. Theater ist eben Sprache.
Am besten aber sind darin das Ehepaar Martin, das zu Besuch kommt. Dem Regisseur ist hier ein herrlich absurdes Kabinettstückchen gelungen: Justus Dallmeier, eh schon ein langes Trumm Mann, wird mittels absurd hoher Plateauschuhen, um die ihn ABBA beneiden hätte können, noch länger, dafür wirkt Sarah Fischbacher mit absurd hohem Zylinder (wobei die Hüte beim Striptease immer kleiner werden) und absurd breiten Schultern und Vollbart noch kleiner.
Gerade sie stanzt ihren Text in aller Deutlichkeit heraus, sodass dessen Absurdität hörbar wird: Das Ehepaar spricht, als ob es sich nicht kennen würde und erkennt erst langsam, dass beide verheiratet sind und eine gemeinsame Tochter haben – zu der Erkennungsmelodie der Fernsehsendung „Herzblatt“. Dieses Gespräch – vielleicht eine Parodie auf das alte Theatermittel der Anagnorisis, der Wiedererkennung – wickelt sich ab, indem beide sich unentwegt aus aberwitzig vielen Kleidungsstücken wickeln: herrlich humorig-grotesk!
Schade nur, dass Reichert die schöne Wanduhr, die die Stunde mit dem Big-Ben-Schlag schlägt, nicht so unsinnig häufig und falsch, wie vom Autor verlangt, schlagen lässt. Und Reichert missachtet auch einen Grundsatz der Bühne: Was rumsteht, wird auch benützt – aber ein Klavier steht unbenutzt herum.
Beide Paare quetschen sich nun auf die niedrige Couch und beginnen eine der üblichen gesellschaftlichen inhaltsleeren Plaudereien. Das Dienstmädchen Mary (im männlichen Dienerfrack, aber mit Dienstmädchenhäubchen: Marie Elliot-Gartner) futtert unentwegt Popcorn, das ihr beim Sprechen aus dem Munde sprüht.
Dann tritt der Feuerwehrhauptmann in das Zimmer, um ein Feuer zu suchen. Ihn spielt, mit Basecap, Schnurrbart und schneeweißem Hoody, auf dem feuerrot das Zeichen von Tinder prangt, Esmeralda Duchan. Sie ist die kleinste der Schauspielerrunde und will sich die supermännliche Rolle mit unterkühlter Coolness aneignen. Dabei hätte sie gerade hier superfeuerwehrhauptmännlich agieren müssen, auch sprachlich, um die leise Erotik, die sie – als Mann in Uniform – mitbringt, wirksam werden zu lassen.
Sprühnebel aus
Popcorn
Die Anekdoten, die sie erzählt, spricht sie in ein von der Decke ständig herabhängendes Mikro (schöner wär‘s gewesen, wenn es erst hier heruntergelassen würde), die sinnloseste Anekdote, die nur aus Relativsätzen beseht, tanzt sie mit feurigen Moves. Als dann noch das Dienstmädchen Mary popcornsprühend ein feuriges Gedicht rezitiert, ist der Höhepunkt der Heiterkeit erreicht – danach kommt das Chaos samt Kissenschlacht.
Das Premierenpublikum im ausverkauften Saal quittierte – nach dem zögernden Beginn – die knapp zweistündige Aufführung mit großer Lachbereitschaft und am Ende mit ausgiebigem Applaus.