Erl – Für die Chinesen hat am 29. Januar das neue Jahr begonnen, heuer das Jahr der Schlange. Die steht im chinesischen Horoskop für Weisheit, Spiritualität und Eleganz. Demzufolge wird das Jahr 2025 eine Zeit mit besonderem Charme und Potenzial für einen kreativen Neuanfang.
Charme, Kreativität und Eleganz waren zu sehen und zu hören beim Großen Chinesischen Neujahrskonzert im Festspielhaus in Erl. Es spielte das Traditionelle Orchester des Chinesischen Konservatoriums für Musik unter dem beeindruckend exakt schlagenden Xu Zhijun, ein groß besetztes einheitlich gekleidetes Orchester mit fast erschreckender Präzision und Disziplin. Damit man wenigstens irgendwas verstand, führte Robert Meyer, ehemals Direktor der Wiener Volksoper, durchs Programm und erklärte die Instrumente und Stücke.
Traditionelle
Instrumente
„Traditionell“ heißt, dass auch traditionelle Instrumente gespielt wurden. An westlichen Instrumenten gab’s nur Celli und Kontrabässe. Ansonsten dominierten Erhu, Bambusflöten, Suona, Zhongu, Sheng und eine beeindruckende Schlagwerkbatterie. Erhu ist eine zweisaitige Röhrenspießlaute, die mit dem Bogen zwischen den Saiten gestrichen wird. Sie kann, vor allem in Großbesetzung, betörend schwelgerisch klingen, aber auch klagend und nasal wimmernd, mitunter auch gedämpft leise. Suona ist eine Art Oboe, aber mit metallenem Schalltrichter. Die Zhongu ist eine gezupfte Langhalslaute, die Sheng eine Art Mundorgel mit bis zu 17 Pfeifen. Die gespielte Musik stammte aus dem 20. Jahrhundert, beruhte aber oft auf chinesischen Volksmelodien. Poetisch waren die Titel: „Nostalgische Träume von Peking“, eine Art von Silvester-Musik; „Wolken- und Blumen-Fantasie“, ein Solokonzert für eine Pipa, eine gezupfte Schalenhalslaute, die von einer Solistin in seidengrünem Blumenkleid (Luo Xiran) mehr geschlagen als gezupft wurde, still-poetische träumerische Musik, bei der sich beim Hören großartige Landschaften im Kopf öffnen; der „Tanz der goldenen Schlange“ oder „Der Mondschein auf der Lugou-Brücke“ mit einem Streichinstrument, das wie eine Flöte klang. Immer war es berauschende, oft berückende, farbig schillernde und groß sich wölbende Musik, die oft wie Filmmusik wirkte und auf Überwältigung aus war.
Die Solo-Konzerte waren am interessantesten: Neben dem Pipa-Konzert spielte Ta Xin die Solo-Erhu, die sie mit einem Gürtel an ihr gelbes Seidenkleid gebunden hatte. Da die Erhu nur einen ganz schmalen Hals hat, hängen die zwei Saiten gleichsam alleine und so wirkte es, als greife die Solistin, wenn sie in die Saiten greift, ständig in die Luft. Aber was herauskam, war schwelgend-schwärmerisch und dann festlich-fröhliche Musik. Für Wie Shan wurde eine Guzheng, eine Art Riesen-Zither hereingerollt, die er virtuos handhabte und damit eine leidenschaftlich-kraftvolle Musik voller Saitenvibrationen produzierte.
Ein Trillern
und Tirilieren
Aber was die vielen Zuhörer am meisten faszinierte und begeisterte, war das Konzert für eine Suona und Orchester. Im lilafarbenen Kleid spielte Liang Mengting das Stück mit dem langen Titel: „Hunderte von Vögeln verehren den Phönix“. Die Solistin hüpfte auf der Bühne herum, bog und wendete sich und demonstrierte, wie viele Vogellaute diese Soana hervorbringen kann: Das war ein einziges Quieken, Quietschen und Quäken, ein Tröten und Flöten, ein Trillern und Tirilieren, ein Schwirren, Fiepen und Piepsen – und das Publikum tobte. Den Schluss machte ein Stück namens „Steinplattentrommeln am Gürtel“ mit rhythmischen Rufen der Musiker zu der mitreißend ekstatischen Trommelei der Schlagwerker, die dazu gleichsam vor ihren Pauken und Trommeln tanzten.