Die Opfer des Holocaust dokumentiert

von Redaktion

Max-Mannheimer-Kulturtage Bewegende Lesung von Reiner Engelmann aus seinem Buch über den Fotografen von Ausschwitz

Bad Aibling – Im Rahmen der Max-Mannheimer-Kulturtage las Reiner Engelmann im Großen Sitzungssaal des Rathauses aus seinem 2015 erschienenen Buch „Der Fotograf von Auschwitz“ – doch eine klassische Lesung war es nicht. Der Historiker, 2023 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet, erzählte vielmehr. Ohne Mikrofon und Notizen trug er seine Erzählung vor, unterstützt nur von einigen an die Wand projizierten Bildern und einer Audioaufnahme. Mehr brauchte es auch nicht: Bereits nach den ersten Minuten war dasPublikum von der Lebensgeschichte Wilhelm Brasses gebannt, der als Lagerfotograf von Auschwitz die Opfer des Holocausts für die Nachwelt dokumentierte.

Engelmann lernte Brasse 2011 kennen, ein Jahr vor dessen Tod, und wusste sofort, dass er über diesen Mann schreiben musste. „Na bitteschön, wenn es sein soll“, antwortete Brasse, wohl etwas ungläubig, als er erfuhr, dass seine Lebensgeschichte Gegenstand eines Buches werden sollte.

1917 in Zywiec geboren, erlernte Brasse in Kattowitz den Beruf des Fotografen. Nachdem seine Heimat 1939 vom Deutschen Reich annektiert worden war, wurde dort eine Volksbefragung durchgeführt. Auf die frage, ob er Deutscher oder Pole sei, erwiderte er: „Meine Muttersprache ist Polnisch, ich träume auf Polnisch, meine Vorfahren sprechen Polnisch. Ich bleibe Pole.“ Hätte er anders ausgesagt, so hätte sein Lebensweg wohl einen anderen Verlauf genommen. Brasseentschied sich im März 1940, nach Frankreich zu fliehen, um sich dort dem Widerstand anzuschließen. Schon an der ungarischen Grenze scheiterte sein kühnes Vorhaben allerdings. Er wurde gefasst und in eine Haftanstalt gebracht. Wieder bot man ihm die deutsche Staatsbürgerschaft an und wieder weigerte sich Brasse, sein Heimatland zu verraten. Daraufhin wurde er Ende August 1940 nach Auschwitz deportiert.

„Das hier ist kein Sanatorium, sondern ein deutsches Konzentrationslager“, wurde den Häftlingen bei der Begrüßung entgegengebrüllt. „Juden überleben hier zwei Wochen, Pfaffen drei Wochen, alle anderen höchstens drei Monate. Der einzige Ausweg ist der durch den Schornstein.“

Aus dem lebensfrohen Wilhelm Brasse wurde ab sofort Nummer 3444. Nachdem er in verschiedenen Arbeitskommandos gearbeitet hatte, wurde er im Februar 1941 aufgrund seiner Fähigkeiten in der Passfotografie zum Lagerfotografen bestimmt. Seine Aufgabe war es fortan, von jedem Häftling drei Fotos zu machen – ein Frontbild, ein Profilbild und eines mit Kopfbedeckung. Insgesamt waren es mehrere zehntausend Fotos, die er anfertigte.

Als Funktionshäftling erhielt er mehr Essen, ein besseres Zimmer und war von der harten körperlichen Arbeit befreit. Dies rettete ihm mit großer Wahrscheinlichkeit das Leben, war allerdings zutiefst traumatisierend. Brasse war nun Bestandteil des Systems Auschwitz. Er erhielt Einblicke in die Strukturen des Lagers und die sich abspielenden Brutalitäten, stets mit dem quälenden Bewusstsein, dass seine Position ihm das Überleben ermöglichte, während andere sterben mussten. Doch er tat, was er konnte: Er begegnete seinen Mithäftlingen mit Respekt und versuchte, ihnen im Atelier ein Gefühl von Sicherheit zu geben.

Als die Soldaten der Roten Armee näher rückten und Brasse den Befehl erhielt, alle Fotografien zu verbrennen, rettete er diese, nachdem sein Vorgesetzter den Raum verlassen hatte. Nur so konnten die Fotografien erhalten bleiben und als Beweise für den Massenmord bewahrt werden.

Nach dem Krieg sprach Brasse kaum über sein Schicksal. Er heiratete, wurde Vater und gründete eine Fabrik; schwer traumatisiert konnte er den Beruf des Fotografen nicht mehr ausüben. Dass er sich erst nach Jahrzehnten traute, über seine Erfahrungen zu sprechen, ähnele den Geschichten vieler Überlebender, so Engelmann. Trotzdem sei seine Biografie einzigartig: Nicht nur, weil er als Lagerfotograf tiefgehende Einblicke in das System des KZs erhielt und eine Vielzahl von Häftlingen kennenlernte, sondern auch weil er Auschwitz über Jahre hinweg erlebte.

Engelmann betonte, wie wichtig es sei, sich mit persönlichen Schicksalen hinter historischen Ereignissen auseinanderzusetzen. Geschichten wie die von Wilhelm Brasse würden nachhaltig berühren und zum Nachdenken anregen. Das Publikum reagierte mit Applaus, woraufhin Engelmann an die Worte der Zeitzeugin Henriette Kretz erinnerte: „Ich möchte nicht, dass ihr klatscht, sondern dass ihr euch das mitnehmt, was ich euch erzählt habe.“

Constanze Baumann

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