Kolbermoor – Ganz gefüllt mit erwartungsfrohen Zuhörern war die Kirche Wiederkunft Christi beim ersten Meisterkonzert des Kolbermoorer Orgelmittwochs in diesem Jahr. Sie wurden nicht enttäuscht: David Franke, Professor an der Musikhochschule Freiburg und nicht verwandt mit Gerhard Franke, dem Gründer und Leiter des Orgelmittwochs, bot ein wahrlich meisterliches Meisterkonzert, wohl eines der besten in dieser Reihe. Sein Programm war chronologisch folgerichtig aufgebaut bis hin zu einer von ihm komponierten Fantasie, also von Bach bis Franke. Die Form der Fantasie war der rote Faden darin.
Bachs berühmte Fantasie und Fuge in g-Moll BWV 542 begann Franke stürmisch, die Anfangserregung zitterte auch in den elegischen Zwischensätzen nach. Er ließ die Chromatik wirklich grell aufschreien, wie er in seiner Anfangsmoderation gesagt hatte, unerbittlich war sowohl die Gewalt des Bassabstiegs im Pedal als auch der harmonische Strudel aus Modulationen, chromatischen Rückungen, Trugschlüssen und enharmonischen Verwechslungen – es geht ja bis zum es-Moll mit sechs b als Vorzeichen!
Auch die Fuge meißelte Franke mit unerbittlicher Strenge und nie nachlassender Energie bis hin zum strahlenden Triller und triumphierenden Auftauchen des Themas im Pedal. Gemessen streng trotz so mancher Verspieltheit in der Umspielung des Themas und sehr transparent registriert spielte Franke die Choralbearbeitung von „Die sind die heilgen zehn Gebot“ BWV 678.
Johann Gottfried Müthel (1728 bis 1788) war Bachs letzter Schüler. In seiner vielgestaltigen und durchaus virtuosen Es-Dur-Fantasie ließ er seiner Fantasie freien Lauf – und die läuft denn auch freudig hin und her, hüpft über Triller-Hecken, schlägt lustige Purzelbäume, singt vor sich hin und lauscht dem Echo nach oder wirft sich melodisch stolz in die Brust: Franke präsentierte diese Fantasie voll Übermut glanzvoll und prächtig.
Das ruhige Adagio in d-Moll von Carl Philipp Emanuel Bach ist eigentlich auch eine freie Fantasie. Franke nahm sie bedachtsam, hätte sie aber ruhig noch bedächtiger und nachdenklicher nehmen können. Forsch, energieprall und fast drohend stürzte Franke sich dann in Mozarts hellgrell registrierte f-Moll-Fantasie KV 608, wohingegen der Mittelsatz lieblich-weich registriert war, bis der Schlusssatz mit fast wütender Dreherfigur in der Melodie vorüberrauschte.
Ganz „romantisch“ registriert war dann die D-Dur-Orgelsonate von Felix Mendelssohn Bartholdy op. 65/5, die Franke sehr lebendig und spannungsreich interpretierte, in der er den Pizzicato-Effekt im Bass-Pedal schön herausstellte und den Schlusssatz bei aller Raschheit majestätisch klingen ließ. Seine eigene Fantasie begann Franke wie suchend mit auf- und absteigenden Tonskalen, wurde dann – auch im Pedal – quirlig-quellend, dann tänzerisch und strahlend wie französische Orgelmusik, ließ das Fugenmotiv von BWV 542 anklingen, spielte sich damit und auch mit den vielen Klangfarben der Orgel und ließ es dann final rauschen und brausen.
Für den sofort aufbrausenden Beifall bedankte sich David Franke mit der Improvisation über ein zugerufenes Thema: Es war „Der Mond ist aufgegangen“. Franke ließ die Melodie nach schwimmenden Anfangsharmonien in Moll auftauchen, wendete es dann ins Dur, ließ es vom Manual ins Pedal und zurück wandern, zog währenddessen mit lauter harmonischen Überraschungen fast alle weiteren Register der Orgel und ließ dann alles wieder ins Mondlicht verdämmern: Selten hat ein Organist so viele Klangfarben der Orgel tönen lassen.VON RAINER W. JANKA