Rosenheim – Die Älteren unter uns werden sich noch erinnern an Jürgen von der Lippes Fernsehshow, in der am Ende gefragt wurde: „Geld oder Liebe?“ Im Grunde genommen ist dies auch die Frage aller Fragen in der Operette „Die lustige Witwe“ von Franz Lehár: Graf Danilo soll die millionenschwere Witwe Hanna Glawari heiraten, um mit diesen Millionen sein Vaterland Pontevedro zu retten – will aber nicht, weil sie sich einmal geliebt haben, aus Standesgründen nicht heiraten durften und er sie jetzt nicht nur wegen des Geldes heiraten will. Am Ende heiratet er sie aber doch, weil testamentarisch das Geld nach der Heirat ihm zufallen wird: Geld und Liebe fallen operettenglücklich zusammen.
„Da geh‘
ich zu Maxim!“
Die noch Älteren unter uns werden sich an Johannes Heesters erinnern, der gefühlt wohl millionenmal die Show-Treppe hinuntergeschritten ist mit dem Auftrittslied des Danilo auf den Lippen: „Da geh‘ ich zu Maxim!“ Die Älteren unter den Zuschauern im Rosenheimer Kultur- und KongressZentrum summten verzückt diese Melodie mit in der Aufführung der Johann-Strauß-Operette Wien, genauso wie die Melodie des Walzers „Lippen schweigen, ‘s flüstern Geigen: Hab mich lieb!“ Jeder Akt dieser Operette ist ein Ballfest: anfangs mondän pariserisch, dann balkanfolkloristisch und am Ende nachtlebenslustig. Das reisende Tournee-Theater hat dies praktisch gelöst: hübsch-bunt bemalte Stoffbahnen signalisieren Gesandtschaftspalais, Villengarten und die Imitation des „Maxim’s“ in Hannas Villa. Alle tragen ihren Frack stilgerecht und mit Würde, Balkan-Trachten schmücken die pontevedrinischen Personen, während die vier tanzenden Grisetten in elegantes Schwarz gekleidet sind.
Die Johann-Strauß-Operette Wien rühmt sich ihrer „traditionellen“ Inszenierungen. In der Tat lässt die Regie (Andrea Schwarz) alles mit großer Deutlichkeit – und vor allem im zweiten Akt mit etwas Verlangsamung – brav abrollen, ohne moderne Regie-Mätzchen – außer, dass auf den Weibermarsch („Ja, das Studium der Weiber ist schwer“) die Frauen eine neu getextete Antwort-Strophe auf die Männer singen. Die sprachlichen Pointen werden prononciert serviert, die Sänger und Darsteller können die Hilfe von Mikrofonen nutzen, die am Bühnenboden postiert sind und von der Decke hängen.
Als pontevedrinischer Gesandter Baron Ceta agiert Josef Krenmair gewitzt und pointensicher. Seine Frau Valencienne, die zwar gerne flirtet, aber doch beteuert: „Ich bin eine anständ’ge Frau“, gibt Marie-Luise Engel-Schottleitner als quirlige Blondine mit keckem Sopran, die temperamentvoll den rassigen Can-Can im dritten Akt anführt. Yichi Xu ist ihr Galan Camille de Rosillon mit schönem Tenor und einer schmerzlichen Träne in seiner Arie. Publikumserheiternd ist Thomas Nistler als der stoische Kanzlist Njegus. In schwarzem Witwenkleid – vor acht Tagen ist ja ihr Millionärsgatte gestorben – tritt Hanna Glawari auf, bekrönt mit einem wagenradgroßen Hut. Catarina Coresi Lal spielt sie mit Balkan-Akzent (sie ist gebürtige Rumänin) und fürstlicher Würde, vor allem ist sie mit einer großen Stimme gesegnet, die sie im „Vilja“-Lied glanzvoll und differenziert einsetzt bis zum gefühlvoll-leisen Schlusston, dem hohen H. Graf Danilo schreitet keine Treppe herunter und singt sein Auftrittslied weniger ironisch-schmissig als eher feierlich ganz alleine für niemand, weil unerklärlicherweise alle Ballgäste in den Nebenräumen verschwunden sind. Steffan Mullan, als gebürtiger Waliser auch etwas balkanesisch akzentuiert, spielt schön lässig elegant, singt mit kraftvollem baritonal gefärbtem Tenor, zeigt tiefe Liebesbitternis in dem Lied von den Königskindern, an dem Hanna Glawari erkennt, dass er sie ja wirklich liebt, tanzt gelinde enthemmt mit seinen Grisetten und dann sanft-intim mit Hanna, hätte dies aber zum Schluss ruhig walzer-ekstatischer tun dürfen. Allerdings haben beide ihre gemeinsame Liebesgeschichte ja schon viele Jahre früher erlebt…
Das Orchester (Leitung: Vassilis Tsiatsianis) fungiert als kleines Theaterorchester, das nie die Sänger übertönt, die Trompete schmettert immer lustig-leise und die Geigen schmelzen walzerinnig. Die Zuhörer im nicht ausverkauften Saal lächeln selig bei den bekannten Operettenliedern, summen alles mit, lachen gerne über alle Witze und überschütten am Ende die Darsteller mit Beifall, sodass diese noch mal eine kleine Gesangs- und Tanzzugabe geben.