Rosenheim – Schwer war zu unterscheiden, was an diesem Abend stärker funkelte und glitzerte: ihr filigranes Instrument oder ihr festliches Kleid. Katerina Englichová begeisterte in den Harfenkonzerten von Ravel und Debussy mit ihrem virtuosen Spiel das Publikum. Auf dem Programm des Meisterkonzertes im Kultur- und Kongresszentrum standen zu Beginn die Karneval-Ouvertüre op. 92 von Antonin Dvorak und als großes Finale Tschaikowskys 6. Sinfonie in h-Moll op. 74, die „Pathétique“.
Mit Leidenschaft
und Temperament
Mit präzisen Gesten führte Dirigent Leos Svarovsky das große, etwas gedrängt sitzende Bohuslav Martinu Philharmonic Orchestra zur musikalischen Höchstleistung. Schmissig und kraftvoll zu Beginn, dann voller folkloristischer Farbigkeit erklang Dvoraks Karneval Ouvertüre. Das Orchester spielte sie mit Leidenschaft und Temperament. Die wiegenden Rhythmen der Streicher und der ruhige melodische Fluss der Holzbläser bannten die Hörer. Nach dem wuchtig schmetternden Finale brandete lebhafter Beifall auf.
In den beiden Tänzen für Harfe und Streichorchester von Claude Debussy brachte Harfenistin Katerina Englichová den ganzen Ausdrucksreichtum ihres Instrumentes zum Erklingen. Zart und leise ertönten im „Danse sacrée“ filigrane Akkorde, die das Orchester mit wogenden Streicherklängen umschmeichelte. Lichte Helligkeit besaß der „Danse profane“, nach dessen originellem Schluss die Harfenistin lächeln musste.
Einen impressionistischen Klangzauber verströmte die Introduction et Allegro für Harfe, Streichquartett, Flöte und Klarinette von Maurice Ravel. Langsam entfaltete sich ein fein gewobener Klangteppich voller Zartheit und Anmut. Katerina Englichová faszinierte nicht allein durch ihr meisterliches Spiel, sondern auch durch den dialogischen Austausch mit dem Orchester. Die einzelnen Töne schienen träumerisch und schwerelos durch den Raum zu schweben, wurden aber bisweilen von kräftigeren, melodramatischen Effekten ergänzt. Ganz der Klangschönheit hingegeben, lauschte das Publikum der Harfenistin mit staunender Faszination. Als Zugabe für den rauschenden Beifall spielte sie im klanglichen Kontrast zu Debussy und Ravel noch das jazzige Stück „Harpicide at midnight“ der amerikanischen Harfenistin Pearl Chertok, in dem die Harfe ein ganzes Orchester zu ersetzen schien.
Tschaikowskys berühmte 6. Sinfonie „Pathétique“ verbindet grandiose Effekte und tänzerischer Leichtigkeit, stürmische Leidenschaft und melancholische Zartheit. Wunderbar sonor erklang im ersten Satz das Fagott mit der Vorwegnahme des berühmten Themas. Ergreifend war der beständige Wechsel von spannungsreicher Dynamik hin zu leiser Wehmut. Das Orchester, vom Dirigenten zu einer kompakten Klangeinheit verschmolzen, beherrschte die leisen Töne ebenso wirkungsvoll wie die heftigen emotionalen Ausbrüche.
Nach der explosiven Leidenschaft des Kopfsatzes erklangen im zweiten Satz Allegro con grazia tänzerisch-beschwingte, erlösende Rhythmen. Das Allegro molto vivace begann mit flirrenden Triolen, auf die aber bald das harte und spitze Marschmotiv folgte, das dem Satz die eigentliche Prägung gab und sich bis zum Schluss rasant steigerte. Unruhig pulsierend berührten im Finale die stockenden Triolenrhythmen des Horns. Am Ende erstarb die Musik immer leiser werdend und verklang fast unmerklich. Nach dem letzten Ton schienen Dirigent und Orchester sekundenlang in einer Art Schockstarre zu verharren, bis befreiender Jubel einsetzte.