Rosenheim – Das Orchester bricht mit urknalliger Gewalt los, mit Paukenwirbeln, grellen Trillern, unheilschwanger klingenden Geigen und drohendem Orgelpunkt: das Höllentor scheint offen zu stehen – bis das Klavier aus helllichten Sphären und mit Terzen-Wonnigkeit singt, als wolle es die Höllengeister besänftigen, doch dann stürzt sich auch das Klavier ins symphonische Kampfgetümmel: Hochspannung pur wie im Katastrophenfilm herrscht bei der neuesten Aufnahme von Herbert Schuch, dem Rosenheimer Pianisten und Intendanten der Neubeurer Schlosskonzerte, mit den Bochumer Symphonikern unter dem taiwanesischen Dirigenten Tung-Chieh Chuang.
Auf einer Doppel-CD sind beide Klavierkonzerte von Johannes Brahms versammelt, aufgefüllt mit einem vierhändigen stürmischen Ungarischen Tanz und einem wehmütigen Walzer zusammen mit Schuchs Frau Gülru Ensari, dazu mit dem Klavierstück op. 118/2 und dem Intermezzo op. 117/1 in sinnender Ruhe und sinnlichem Klang: insgesamt 115 Minuten reine Brahms-Seligkeit.
Hervorragend ist die Aufnahmetechnik: Man hört die Instrumentengruppen schön aufgefächert, man hört endlich einmal den Orgelpunkt in den tiefen Streichern und man hört genau, wie im zweiten Satz Streicher und Holzbläser entgegenlaufen. Hervorragend ist auch die Abstimmung zwischen Klavier und Orchester: Das Orchester und der Pianist wollten alles bei Live-Konzerten aufnehmen, um „den Augenblick der Spannung, des geglückten Moments“ festhalten zu können, „wo wir ungeschützt und ohne Fallschirm den Sprung in die Lebendigkeit des Momentes wagen“, schreibt Schuch im Booklet.
Diese Lebendigkeit und Spontaneität hört man allenthalben. Schuch gibt jeder einzelnen Note, jeder Phrase Gewichtigkeit und drängende Notwendigkeit, es herrscht eine fast symbiotische Verzahnung zwischen Orchester und Klavier, man hört die blitzschnell-wendigen Reaktionen aufeinander. Geheimnisvoll flüstert das Orchester im zweiten Satz, darüber schwebt und vereint sich dann das singende Klavier: Schuch schont den Steinway nicht, lässt ihn aber immer wieder energisch-stählern singen. In gravitätisch-abgeklärter Ruhe und dennoch innig-spannungsvoll gestaltet er den religiösen Gestus des zweiten Satzes, mit robustem Charme und rhythmisch widerhakligem Schwung das Final-Rondo.
Auch im zweiten Klavierkonzert, diesem viersätzigen Klavierkonzertkoloss, hört man so viele Einzelheiten und Stimmen wie selten. „Brahms‘ Musik ist in erster Linie Kammermusik“, betont Schuch im Booklet. Und in der Tat spielen Orchester und Solist bei aller symphonischen Größe kammermusikalisch miteinander, reichen sich die Motive weiter, führen sie vereint weiter und verschränken sie. Oft herrscht symphonische Wucht im Klavier und bezaubern zarte Klangspiele im Orchester.
In Herbert Schuchs Händen hören sich die gefürchteten pianistischen Schwierigkeiten ganz unschwierig an. Das Andante ist ein Klang-Labsal, das ungarisch getönte Finale nimmt Schuch in graziös glitzernder Heiterkeit, die die Griesgrämigkeit, für die Brahms bekannt war, Lügen straft. Dem Rezensenten sind keine besseren Aufnahmen der beiden Konzerte von Johannes Brahms bekannt.
rainer w janka