Wasserburg – Die letzte Geschichtsstunde eines deutschen Abiturgeschichtskurses fällt zufällig auf den 20. Juli und erinnert damit an das Stauffenberg-Attentat. Gleichzeitig feiert die rechtspopulistische Partei „Deutsche Aktion“ (DA) ihren Wahlerfolg von 37 Prozent. Was tun?
Diskussion mit
dem Geschichtslehrer
Die fünf Abiturienten diskutieren mit ihrem Geschichtslehrer darüber, ob das Stauffenberg-Attentat nicht zu spät geplant war, sondern viel früher hätte stattfinden sollen, als Hitler noch nicht so unangefochten und noch nicht so gut bewacht war, also am 20. Juli 1931.
Müsste man nicht wenigstens heute rechtzeitig handeln – und den DA-Führer Peters töten? Die Abiturienten beschließen, statt ihr Abitur zu feiern, diesen Tyrannen-Mord: „Wer zu spät schießt, den bestraft das Leben!“, ruft eine Abiturientin aus. So will es der Autor Bernhard Schlink in seinem Theaterstück mit dem Titel „20. Juli“ und so wird es im Theater Wasserburg gespielt. Die Masterclass der Schauspielschule Zerboni hat dieses Theaterstück als Abschlussarbeit erarbeitet – weil es hochaktuell ist und weil es den jungen Leuten viele Rollen bietet. Zunächst steht die recht hölzerne Dramenkonstruktion dem im Wege: In keinem deutschen Bundesland fällt der letzte Schultag auf einen 20. Juli – da sind alle Abiturienten längst im Urlaub oder beim Jobben. In keinem deutschen Bundesland sind wohl Abiturienten so politisch hochaktiv, wenn sie gerade ihr Abitur in der Tasche haben. In keinem deutschen Bundesland reden Abiturienten so rhetorisch gewandt, so rechtsphilosophisch geschult und so hochmoralisch-altklug. Hier stelzen sie auf hohen Gedankenkothurnen, gehen das Publikum an („Hätten Sie Hitler am 20. Juli 1931 erschossen?“), werfen mit Zitaten von Leo Tolstoi, Erich Kästner und Hannah Arendt um sich und ihrem Geschichtslehrer politische Feigheit vor.
Der will sie mit moralphilosophischen Argumenten von ihrem Mord-Plan abbringen, ist aber moralisch desavouiert, weil er ein Verhältnis mit einer Abiturientin hat, die auch noch von ihm schwanger ist: Drunter macht’s Schlink nicht.
Die Regisseurin Jana Franke macht das einzig Richtige: Sie versetzt alles in ewige Bewegung. Die Spieler wechseln ständig die Positionen, laufen aufgeregt auf der leeren Bühne hin und her, tanzen heftig und laufen stimmlich immer auf Hochtouren.
Alle spielen sich die Seele aus dem Leib, agieren mit Herzblut und Hingabe und identifizierten sich völlig mit ihren Rollen – obwohl der Autor den fünf Abiturienten (Theresa Maier, Katharina Süß, Victoria Petz, Berke Cetin, Chiara Bauer) wenig dramatische Entwicklungsmöglichkeiten bietet. Alle sind ständig hochpräsent, die Blicke jagen durch den Raum, blitzschnell sind die Reaktionen aufeinander: vorbildlich. Dafür, dass der Lehrer zu jung und zu hübsch für seine Rolle ist, kann Nico Voss nichts, macht seine Moral-Sache aber gut. Anscheinend waren es zu viele Schauspieler für zu wenig Rollen: Der Großvater einer Abiturientin schwingt gleichsam neben der Bühne die Moralkeule, ist als Figur die „Moral“, ist hier aber zweigeteilt: Sebastian Hummel rezitiert mit dröhnender Stimme das „Lied vom Anstreicher Hitler“ von Brecht und schwelgt in Alt-68-er-Erinnerungen, Josephine des Dorides als seine Moralkollegin muss eine Stange rauf- und runterklettern. Der DA-Führer Peters wird sogar dreigeteilt – das nimmt der Figur die gefährliche Spitze: Moritz Warth, Alessandra Dietzerl und Anna-Maria Kügerl sind glitzernd-elegant gekleidet, ihre demagogischen Parolen glitzern aber nicht so gefährlich – nur einmal, als sie den Brand, bei dem Migranten sterben, umdeuten als Fanal für die angeblich brandgefährliche Migration.
Die Situation spitzt sich zu, es wird nach Pistolen und Gewehren gesucht, Peters soll observiert werden, um den besten Zeitpunkt für das Attentat auszukundschaften – da meint Fabi, in deren Haus alles geplant wird: Alles sei nur ein Spiel, ein Gedanken-Spiel. Als doch ein Schuss knallt, ist es nur eine Konfetti-Kanone. Am Ende sitzen alle da und singen kraftvoll ein hochmoralisches Lied.
Applaus für
die Schauspieler
Aber das Gedanken-Spiel hallt im Zuschauer nach, die Frage, was zu tun sei, wenn eine politische Gefahr droht, bleibt. Alle hoch motivierten Schauspieler und Schauspielerinnen werden von den vielen Zuschauern enthusiastisch gefeiert – zu Recht. Hoffentlich machen sie ihren Weg.
Noch einmal zu sehen ist diese energiegeladene Truppe mit diesem Stück im Theater Wasserburg am 11./12. April. Rainer W. Janka