Treppe und Berg im Widerstreit

von Redaktion

In Erl entsteht das Bühnenbild für die Passionsspiele 2025

Erl – Wenn sich die Türen des Passionsspielhauses in Erl im Mai 2025 öffnen, wird sich die Bühne in einem völlig neuen Licht präsentieren: Eine monumentale Treppe, strahlend weiß, ragt in den Raum – ohne Anfang, ohne Ende (wir berichteten). Sie verbindet Himmel und Erde, Vergangenheit und Gegenwart, Glaube und Zweifel. Daneben erhebt sich ein zersplitterter Berg, ein Symbol für die Natur, die aus den Fugen geraten ist. Treppe und Berg bilden das neue Bühnenbild für die Passionsspiele Erl – eine kühne Neuinterpretation der über 400 Jahre alten Tradition. Hinter diesem beeindruckenden Konzept stehen der Regisseur Martin Leutgeb und Bühnenbildner Hartmut Schörghofer.

„Der Raum ist mir nicht neu – ich habe hier viele Jahre lang bei den Tiroler Festspielen Erl gearbeitet“, erzählt Hartmut Schörghofer. „Die Opernproduktionen erforderten einen anderen Umgang mit der Bühne als die Passion. Natürlich fehlen mir hier die großen Theatermaschinerien, aber ich sehe das als eine positive Herausforderung.“ Diese Herausforderung beginnt mit einer entscheidenden Grundsatzfrage: Wie schafft man es, eine Bühne zu verwandeln, ohne sie baulich zu verändern? Die Antwort: Eine Treppe. Groß, weiß, dominant. Sie überbaut die bestehenden Podeste, greift die Struktur der denkmalgeschützten Bühne auf und führt sie in eine neue Dimension. „Der Lattenhorizont fließt in sie hinein – das verändert die Wahrnehmung des gesamten Raums.“ Doch die Treppe allein reicht nicht aus. Sie braucht ein Gegengewicht: „Ich suche immer Kontraste“, gibt Schörghofer an. „Ich mag das Rüde in der Architektur: Roher Beton, sägeraue Bretter – das sind Materialien, die mich faszinieren.“ Neben der Treppe wird ein Berg stehen – ein Symbol für die Natur, aber kein idyllisches Bild. Der Berg ist zersplittert, ein Sinnbild der Zerrissenheit der Welt. „Dieser zersplitterte Berg eröffnet mir gleichzeitig die Möglichkeit, die gewünschten Rückblenden umzusetzen“, erklärt der Bühnenbildner. „Der Berg besteht aus bespannten Rahmen, die transparent werden können und Öffnungen freigeben. So entsteht ein ‚sprechender‘ Berg.“ Dabei bleibt er ein abstraktes Symbol. „Wir inszenieren keinen Sandalen-Historienfilm, sondern eine lebendige Geschichte“, sagt Hartmut Schörghofer

Ein solches Bühnenbild erfordert eine besondere Lichtgestaltung. Und auch hier setzt Schörghofer auf Kontraste. „Ich liebe den magischen Realismus – und genau das werden wir auf der Bühne sehen.“ Das Licht wird mit Reflexionen spielen, Farben verändern und Stimmungen erzeugen. „Eine Treppe hat eine Setzstufe und eine Trittstufe. Wenn ich diese beiden unterschiedlich beleuchte – die Trittstufe kalt, die Setzstufe warm – und dazu leichten Nebel einsetze, mischt sich das Reflexionslicht auf eine ganz besondere Weise. Man versteht gar nicht genau, wie dieser Effekt entsteht.“ Doch nicht nur Licht, sondern auch Projektionen sollen das Geschehen unterstützen.

Die Umsetzung eines solch komplexen Bühnenbildes erfordert handwerkliche Präzision. Die Zimmerei Schwaighofer bringt dafür jahrhundertealte Techniken mit modernster Technologie zusammen, nämlich mit der CAD-CAM-Planung. „Wir arbeiten mit Schwalbenschwanzverbindungen – das ist eine traditionelle Zimmermannstechnik. Dank modernster Frästechnik werden diese Verbindungen millimetergenau gefertigt. Die CAD-CAM-Technik ist hier Gold wert“, sagt Michael Fahringer, der das Projekt betreut. Und er betont: „Für unser Team ist dieses Projekt etwas ganz Besonderes. Unser Polier Christian etwa spielt selbst mit – und für ihn ist es ein Herzensprojekt, Teil der Passionsspiele zu sein.“

Mehr als 600 Laiendarsteller werden sich auf dieser neuen Bühne bewegen, die Schauplatz für Verrat und Hoffnung, Schmerz und Erlösung sein wird. Sie wird eine Brücke schlagen zwischen dem Alten und dem Neuen – ein Symbol für eine Geschichte, die kein Ende kennt. „Weit und groß wird es erst, wenn viele Köpfe zusammenkommen“, sagt Schörghofer. Und genau das ist gelungen: ein Bühnenbild, das sich nicht aufdrängt, sondern den Raum erweitert. Eine Treppe ohne Anfang und ohne Ende. Ein neuer Blick auf eine uralte Geschichte.

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