„Es reiten drei Reiter zu München hinaus …“

von Redaktion

Aus der Volksmusikpflege: Die Ballade vom Tod der Augsburger Baderstochter Agnes Bernauer im Jahr 1435

Es ist ein historisch nachweisbares Ereignis, das bis heute in Gesängen und Geschichten, sowohl im volkskulturellen als auch im hochkulturellen Bereich lebendig ist und in verschiedenen Formen ausgeschmückt, beschrieben und besungen wird. Zugleich ist es ein Ereignis, das die einfachen Menschen zutiefst nachempfinden können und oft am eigenen Leib erfahren (haben): Die Obrigkeit herrscht über die Untertanen und scheut nicht vor brutalen Maßnahmen zurück, wenn das Herrschaftssystem bedroht erscheint. Deshalb hat der Volksmusikforscher Wolfgang Steinitz das Lied vom Schicksal der Bernauerin in seiner Sammlung „Deutsche Volkslieder demokratischen Charakters“ (Berlin 1954) veröffentlicht.

1. Es reiten drei Reiter zu München hinaus. Sie reiten wohl vor der Bernauerin Haus: „Bernauerin bist Du drinnen, ja drinnen?“

2. Und als die Bernauerin trat heraus, zwei Henkersknecht standen vor ihrem Haus: „Bernauerin, was willst du werden, ja werden?“

3. „Willst du werden ein Henkersweib oder willst du lassen dein jungfrischen Leib, wohl in dem Donauwasser, ja Wasser?“

Prof. Dr. Kurt Huber (1893-1943), der Münchner Musikwissenschaftler und Volksmusikforscher, weist seinen Freund, den Komponisten Carl Orff (1895-1982) auf diese gesungene Geschichte hin, die er mit dem Kiem Pauli zusammen im „Altbayerischen Liederbuch für Jung und Alt“ in den 1930er-Jahren veröffentlicht. Orff komponiert und textet wohl im Andenken an seinen von den Nationalsozialisten 1943 ermordeten Freund die Oper „Die Bernauerin – ein bairisches Welttheater“ (1947).

Die Augsburger Baderstochter Agnes Bernauer wurde als heimlich getraute Gemahlin von Herzog Albrecht III. (1401-1460) von Bayern-München von dessen Vater, dem regierenden Herzog Ernst (1373-1438), aus Gründen der „Staatsräson“ am 12. Oktober 1435 zu Straubing als Hexe hingerichtet. Dieses Geschehen ist als Balladeninhalt in die musikalische Volksüberlieferung im ganzen deutschen Sprachraum eingegangen. Prof. Dr. Otto Holzapfel weist im Deutschen Volksliedarchiv in Freiburg zahlreiche Fassungen nach. Die „Bernauerin“ ist ein weitum besungenes Stück bayrischer Geschichte: Die Tochter eines Baders, also eines Nichtadeligen und aus geringem Stand, soll auf ihren Mann, den bayerischen Herzog Albrecht verzichten. Sie weigert sich und wird in der Donau in Straubing ertränkt. Der Liedtext weist zahlreiche Bilder mittelalterlicher Rechtsauffassung auf, so auch eine Rettungsmöglichkeit, wenn sie das Weib des Henkers wird. Aber: 4. „Und eh ich will lassen mein Herzog entwegn, so will ich lassen mein jungfrisches Lebn, ertrinken im Donauwasser, ja Wasser.

5. Der Herzog ist mein und ich bin sein; der Herzog ist mein und ich bin sein: sind wir gar treu versprochen, ja versprochen.“

Im Liedtext weist die Wiederholung der ehelichen Zusammengehörigkeit wohl auf die Ernsthaftigkeit ihrer Liebe hin. Auch die Anrufung von Heiligen kann die junge Frau nicht vor dem Tod retten. Immer wieder drückt sie der Henker unter Wasser:

6. Sobald sie in das Wasser kam, den heiligen Nicolai rufet sie an: „O lass mich nicht ertrinken, ja ertrinken.“

7. Sobald sie auf das Land naus kam, der leidige Henker stand schon wieder da, stoßt sie hinab ins Wasser, ja Wasser.

Der verwitwete Herzogsohn Albrecht will sich kriegerisch an seinem Vater, dem regierenden Herzog Ernst, rächen. Aber dieser stirbt vorher – und seither ist diese Geschichte im Volk und in der Hochkultur verankert. In insgesamt 18 Strophen haben wir als Bänkelsänger diese Geschichte schon in der Rosenheimer Fußgängerzone oder am Viktualienmarkt in München gesungen – zum Erstaunen der Zuhörer, die gern auch mitgesungen haben. Wer alle 18 Strophen haben will, der erhält diese gern kostenlos vom „Förderverein Volksmusik Oberbayern“ (83052 Bruckmühl, Pfarrweg 11, 08062/8078307, ernst.schusser@heimatpfleger.bayern). Oder sie kommen heute nach Altenmarkt, wo wir am Abend mehrere Lieder über Frauen in der Volksmusik singen und einen Überblick geben.ernst schusser

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