München – „Memento homo quia pulvis es …“ Der Christ vernahm erst kürzlich wieder, am Aschermittwoch, die lateinischen oder deutschen Worte, dass er daran denke, Staub zu sein und wieder zu Staub zu werden. Alles Seiende ist nicht von Bestand. Der Mensch nicht, die Blume nicht und nicht der Baum. So schön, so herrlich, so lebensvoll sie auch sind – sie kehren einmal zurück, sie vergehen, sie verschwinden. Leben ist immer auch Sterben. Ist es „Zu-Fall“, dass das Münchner Lenbachhaus die neueste Ausstellung mit dem ungewöhnlich langen Titel „Was zu verschwinden droht, wird Bild“ fast exakt am Tage des Beginns der 40 Tage Fasten eröffnete? Und kein End-Datum der Schau bekannt gibt?
Stattdessen drei für Interessierte wichtige Termine: 6. April, 4. Mai und 1. Juni. An diesen Tagen, die Uhrzeit ist der Website des Museums zu entnehmen, gibt es für drei Euro zur Eintrittskarte eine einstündige „öffentliche Führung“ angesichts der trefflich ausgesuchten Bilder, die den Besuchenden geradezu zurufen: Was hier zu sehen ist, war alles einmal. Und ist jetzt zwar noch existent, aber nurmehr als Bild. Als Kunstwerk. Es hält ein Stück Vergangenes fest. Für die Ewigkeit? Das wäre zu viel gesagt. Denn auch Kunstwerke sind vergänglich. Worum es konkret in dieser Ausstellung geht, sei an einigen frei gewählten Beispielen aufgezeigt. Sie wurden mit Absicht für diesen Ausstellungs-Bericht gewählt; spielen sie doch alle drei eine wesentliche Rolle im Bereich der OVB-Heimatzeitungen.
Bühne frei für „unseren“ Oberbayern Johann Georg von Dillis, 1759 nahe Dorfen geboren, 1841 in München gestorben. Wunder über Wunder: Dillis` fantastische Wolkenstudien. Sie geben viel her für das Thema Verwandlung, Vergehen und Verschwinden. Wolken ändern ihre Gestalt, sind – ehe wir`s bemerken – weitergezogen, und sobald sie den Regen abgelassen haben, nicht mehr da. Dillis war ein Meister darin, Wolken zu mit Bleistift zu skizzieren, leicht zu aquarellieren und sie zum Hauptgegenstand mancher seiner vielen Reisen in die Natur zu erheben. Davon kann sich der Besucher der Ausstellung x-mal überzeugen. Er sollte neben den vielen „Wolken-Bildern“ zwei Zeichnungen von Dillis nicht außer Acht lassen, die selten gezeigt werden und zum Ausstellungs-Motto „Vergänglichkeit“ prima passen: „Die Biber bei Brannenburg“ (vor 1792) und „Laubwald, Seeufer, Gebirge am Simssee“ (1798). Ohne Bleistift und Skizzenbuch zog Dillis bekanntlich nie in die freie Natur.
Dillis` Zeitgenosse Max Joseph Wagenbauer, vor 250 Jahren in Grafing geboren und 1829 in München gestorben, hatte ein Faible für die bayerischen Berge. Seine „Almlandschaft mit Kampenwand“ gelang ihm 1826/27 vorzüglich. Detailliert schildert der Maler Wagenbauer den durchsonnten Sommernachmittag eines jungen Viehhüters, lautlos, friedlich, menschenleer. Die vertraute Landschaft lässt mit ihren grauen zackigen Felsen, der finsteren Schlucht, dem beschatteten Wald und dem beruhigend wirkenden Vieh den Betrachter verweilen. Was vor 200 Jahren war, ist heute auf solche Weise nicht mehr da. Das Bild hält es aber fest. Und da ist noch ein Maler, der ins oberbayerische Voralpenland, zusammen mit seinem Spezl Wilhelm Leibl, so gut wie kein dritter passt: Johann Sperl. Zwei Gemälde gibt es von ihm in dieser Ausstellung endlich einmal wieder zu bestaunen, den Apotheker-Garten von Kraiburg (circa 1883) und, ein Jahrzehnt später entstanden: die „Wiese vor Leibls Atelier in Aibling“, dem Ort, in dem Sperl 1914 starb. Mit Öl auf Leinwand zu malen, glückte Sperl genauso gut wie seinem Freund, den er von der Münchner Kunstakademie her kannte und gelegentlich die Figuren in seine Landschaft setzen ließ. 1882 waren beide in Aibling zusammengezogen. Der Ausstellungskurator fand poetische Worte für das Wiesen-Idyll: „Im satten, ruhigen Grün hinter Heckenrosen, Nelken und Mohn sehen wir vermutlich Leibl mit Strohhut, zeichnend, und daneben seine Haushälterin, die ihm häufig Modell stand“.
Für die OVB-Leserschaft lohnt ein Abstecher ins Lenbachhaus am Münchner Königsplatz – schon deshalb, um die eigene Landschaft wieder einmal echt als „malerisch“ zu erleben. Wohlgemerkt: Im Museum sind lauter Originale ausgehängt. Was aus der gemalten Landschaft unwiederbringlich vergangen ist, haben Künstler wie Dillis, Wagenbauer oder Sperl mit Leibl festgehalten. Dazu kommen noch andere, vielleicht sogar berühmtere wie etwa Paul Hoecker, Richard Riemerschmid oder Lovis Corinth, der 1920 den „Walchensee bei Mondschein“ auf die Leinwand brachte.Hans Gärtner