Rimsting – Ein Stuhl steht leer bei der Konfirmationsfeier: Man wartet auf den Pfarrer wie bei Samuel Beckett auf Godot – doch jener kommt genausowenig wie Godot. Man ist im Volksstück „Schweig, Bub!“ von Fitzgerald Kusz. Der hat Germanistik und Anglistik studiert und so merkt man die Hommage an Bertolt Brecht mit dessen „Kleinbürgerhochzeit“, eben an Samuel Becket und auch an die Theater-Ästhetik von Ödön von Horváth, der seine Stücke immer im Kleinbürgermilieu ansiedelt. Die Laienbühne Rimsting hat mit diesem Stück wieder einmal ins Schwarze getroffen.
Ein Fest der Plattheiten
Der Regisseur Raimund Feichtner lässt alles genauestens in der Entstehungszeit spielen, also in den 70er-Jahren. Vor einer schreiend-rotorangefarbenen Tapete mit psychedelischem Muster feiert die Familie die Konfirmation des namenlosen Buben, dessen seltene Wortmeldungen immer abgewürgt werden: „Schweig, Bub!“ eben. Die Kostüme sind ebenso stimmig wie die Koteletten und der Jason-King-Schnauzbart des Vaters. Dabei fressen und saufen die Familienmitglieder erschreckend viel, brüllen sich an, erzählen sich zotige Witze, ziehen übereinander her und überschütten sich mit Allgemeinplätzen und Plattitüden: ein Fest der Plattheiten.
Feichtner lässt diese kleinbürgerliche Familien-Hölle breit ohne Kürzungen ausspielen, sowohl die – oft unfreiwillige – Komik als auch die jäh aufbrechende Bösheit. Und er arbeitet mit herausgestanzten Pausen, einer bewusst gespielten Stille, ganz im Sinn von Ödön von Horváth, der in seiner „Gebrauchsanweisung“ schreibt: „Bitte achten Sie genau auf die Pausen im Dialog, die ich mit „Stille“ bezeichne – hier kämpfen das Bewusstsein und das Unterbewusstsein miteinander, und das muss sichtbar werden.“ Und Feichtner beachtet auch die Funktion der Sprache: „Der Mensch wird erst lebendig durch die Sprache“, schreibt Horváth. Die Figuren sprechen nicht fränkisch wie im Original, sondern süddeutsch – wie Horváth seine Figuren sprechen lässt. Es ist also kein bloß brüllend-komisches Volkstheater, kein schenkelklopfend-komödienstadeliger Schwank, sondern, wie bei Horváth, ein „Volksstück“. Doch zum staunenden Lachen gibt’s genug: Im Programmheft wird extra das „Bühnencatering“ erwähnt (Veronika Kunsler, Rita Aß): Die Feier beginnt mit der schon ikonisch gewordenen Leberknödelsuppe, dann gibt’s Braten mit Knödeln, später Kaffee, Torte und Kuchen, abends Bratwürste, kalte Platte und noch eine feuerspeiende Torte, dazu werden Unmengen von Bierflaschen und Schnapsgläser geleert: Auch eine bauchige Herausforderung für die Schauspieler! Aber was sie in sich hineinfressen, kotzen sie als Bos- und Bösheiten wieder aus.
Die Schauspieler laufen in der fordernden Regie von Raimund Feichtner zur Hochform auf: Regina Feichtner und Andreas Wörndl kämpfen als Tante Anna und Onkel Willi ihren ehelichen Kleinkrieg gnadenlos aus, setzen punktgenau ihre Pointen, wobei Regina Feichtner die ihren geradezu wollüstig ausspeit, und ernten damit den Hauptanteil von hämischen Publikums-Lachern. Claudia Schlemer zeichnet zeitgetreu das Porträt der überarbeiteten Mutter und übereifrigen Gastgeberin, während Andreas Feichtner als ihr proletiger Gatte mit zunehmendem Schnapskonsum geradezu furchterregend boshaft und böse wird und seine Frau hemmungslos beschimpft. Da erstirbt das Lachen – das erst nach der scheinbar sexuell erfolgreichen Versöhnung wiederkommt.
Gertraud Hauer spielt mit rappelkurzen Haaren die früh-woke Gerda, sie bringt ihre spitzen Gscheithaferl-Kommentare vielleicht etwas überbetont und überpenetrant – aber immer noch im Sinne von Horváths Stilisierungs-Gebot.
Ausdrucksstarke Mimik
Wunderbar antwortet Wolfgang Schlemer als ihr Mann Manfred vor allem mit seiner höchst ausdrucksstarken Mimik: Ein Senken der Mundwinkel genügt, um die Zuschauer vor Lachen prusten zu lassen. Sylvia Habl spielt als Kusine Hannelore ihre Rolle als betrogene Ehefrau genau aus und deutet ihren Striptease mit dem Rücken zu den Zuschauern nur leicht an.
Und der titelgebende „Bub“? Seppi Schneider gelingt das Kunststück, als wuschelköpfiger moderner Teenie einen naiven Buben der 70er-Jahre darzustellen, der sich über eine Uhr mit Leuchtziffern als Patengeschenk freut. Gefreut haben sich auch die Zuschauer im ausverkauften Gemeindesaal, die fleißig Zwischenbeifall spendeten.