Rosenheim – Goethes 1774 veröffentlichter Briefroman „Die Leiden des jungen Werthers“ bildete für Jules Massenets 1892 uraufgeführte Oper „Werther“ die literarische Vorlage. Ihre Entstehungsgeschichte und die aktuelle Inszenierung im Gärtnerplatztheater München beleuchtete Chefdisponent Marcus Schneider in einem erhellenden Vortrag im Künstlerhof am Ludwigsplatz. Schneider sprach auf Einladung der Goethe Gesellschaft Rosenheim.
Goethes Werke wurden im 19. Jahrhundert von den Franzosen sehr geschätzt. Der Direktor der Pariser Opéra-Comique lehnte den „Werther“ allerdings wegen dessen düsteren Inhalts ab. Nach dem Brand der Operéra-Comique 1887 war an eine Aufführung nicht mehr zu denken. In deutscher Sprache wurde Massenets „Werther“ erst im Februar 1892 an der Wiener Hofoper uraufgeführt. Heute gilt die Oper als Massenets größter Erfolg.
Knapp und anschaulich beschrieb Schneider den Inhalt der vieraktigen Oper. Im Prinzip hielten sich die Librettisten an Goethes Vorlage, änderten aber die Rolle der Charlotte. Während bei Goethe Charlottes Beziehung zu Werther nur brüderlich ist, ist ihre Liebe zu Werther in der Oper echt, wenngleich sie auch von ihr erst im Finale eingestanden wird. Als skandalös galt zur Goethezeit im Gegensatz zum ausgehenden 19. Jahrhundert die romantische Liebe. Geheiratet wurde aus praktischen Gründen oder aus Staatsraison.
Grundlage der Oper war Goethes biografisches Erlebnis. Der junge Rechtsreferendar verliebt sich in Wetzlar in Charlotte, die Tochter eines Amtsmanns, die bereits mit dem biederen Albert verlobt ist. Goethes Liebe wird nicht erwidert. Das Motiv für den tragischen Ausgang dieser Liebe, die Selbsttötung Werthers, lieferte Goethe der Selbstmord seines Bekannten Karl Wilhelm Jerusalem. Die literarische Figur der Lotte im Roman trägt auch Züge der schwarzäugigen Maximiliane von La Roche, einer weiteren Liebschaft des jungen Goethe.
Während Goethe seinen Briefroman aus subjektiver Perspektive geschrieben habe, werde in der Umformung durch das Opernlibretto allen Personen ein individuelles Profil gegeben, so Schneider. Charlotte sei nicht mehr allein Projektionsfläche Werthers, sondern handele eigenständig.
In der Oper steht die Zerrissenheit der Figuren im Mittelpunkt. Charlotte und ihre Schwester Sophie werden eigene Gedanken zugestanden, Szenen ohne Werther sind neu erfunden. Eine Klammer im Werk bilden die von den Kindern des Amtsmanns im Sommer eingeübten Weihnachtslieder, die am Weihnachtsabend erneut erklingen.
Massenet hat die Musik emotional aufgeladen, Leitmotive verwendet und den Protagonisten Instrumente zugeordnet. So steht etwa für Charlotte der wehmütige Ton des Saxofons. Hörbeispiele der Ouvertüre und der Arie der Charlotte im dritten Akt waren allerdings etwas zu leise zum Nachempfinden. In der Oper würden laut Schneider unterschiedliche Stile verwendet, die nicht selten an Filmmusik erinnerten. Die ländliche Idylle besitze viel Kolorit, mit Leichtigkeit fange der Komponist Atmosphäre ein.
Die Inszenierung im Gärtnerplatztheater kennzeichne eine psychologische Herangehensweise. Herbert Föttinger hat die Handlung mit Kostümen der Belle Epoque in die Entstehungszeit der Oper verlegt. Einen Bogen schlägt laut Schneider der Kinderchor mit den am Anfang und Ende gesungenen Weihnachtsliedern.
Georg Füchtner