Der Autor als Architekt, Gärtner oder Schreiner?

von Redaktion

Drei Rosenheimer Literatur-Preisträger diskutieren und lesen in der Stadtbibliothek am Salzstadel

Rosenheim – Es war ein wahres Gipfeltreffen der Rosenheimer Literaturpreisträger, das Susanne Delp, Leiterin der Stadtbibliothek, am Ende der Reihe „Literat(o)uren“ veranstaltete: Alle drei noch lebenden Literaturpreisträger der Stadt Rosenheim hatten letzthin einen neuen Roman veröffentlicht: „Radieschen-Revolution“ hat Christian Lorenz Müller seinen Roman benannt, über ihren Großvater hat Natalie Buchholz einen Roman mit dem Titel „Grand-papa“ geschrieben und Alois Prinz ist dem Leben von Albert Schweitzer nachgegangen: „Albert Schweitzer. Radikal menschlich“ heißt seine Biografie. Angenehm zurückhaltend-sachlich und doch unmerklich lenkend moderierte der BR-Kultur-Redakteur Nils Beintker die Unterhaltung und Lesungen.

Auf seine Frage, wie ein Roman entstehe und wachse, entwickelte sich eine kleine Diskussion, als was sich ein Romanautor sehe: als Architekt, der das Romangerüst schon vorher kennt, oder als Gärtner, der vorher nicht weiß, was rauskommt. Müller sagte sogar, dass „meine Figuren für mich erst interessant werden, wenn sie etwas machen, was ich nicht will.“ Prinz sah sich eher als Schreiner, bei ihm werde geschnitten, gesägt und gehobelt.

Natalie Buchholz las die Anfangskapitel ihres Romans: Die Enkelin entdeckt die Urne mit der Asche ihres Großvaters und will wissen, wer er war: Anatole Frey, ein gebürtiger Lothringer, der wechselweise Franzose oder Zwangsdeutscher war und als Franzose in der deutschen Wehrmacht dienen musste. Sehr lebendig war das Porträt der immer Witze erzählenden „Grand-mi“, die auch einen Witz erzählend starb. Anschaulich wird der Roman durch sprechende Symbole wie die Marillenkerne, die die Enkelin vom Großvater geschenkt bekommt und aus denen ein Marillenbaum wachsen wird – wie ein Stammbaum.

Müller stellte vor, wie sein Roman, in dem es sich um Gemeinschaftsgärten handelt, sich auf zwei Erzählerstimmen verteilt und mit einer Nebenhandlung im Theater zu eine Art Spiegelgeschichte wird: Im Theater wird Tschechows „Kirschgarten“ geprobt.

Gibt es Freiheiten in einer Biografie? Aber ja, sagte Alois Prinz, auch eine Biografie sei eine fiktionale Erzählung: „Mit ein, zwei Sätzen kann ich den Blick des Lesers lenken“, bekannte Prinz und sagte weiter: „Ich versuche, die Person auf eine Bühne zu stellen.“ Und ganz überraschend: „Ein festbetoniertes Bild der Person muss ich zerstören“. Er las dann Schweitzers Abfahrt aus Europa und Ankunft in Lambarene in Afrika.

Am Schluss waren sich alle drei Autoren einig: Was sie verbindet, ist die Liebe zur Utopie: Müller sieht die Garten-Utopie wie eine ferne Ahnung an den Garten Eden, Buchholz vertritt die Generationen-Utopie und Prinz die Menschheits-Utopie.

RAINER W. JANKA

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