„Solang stirbt die Gemüthlichkeit in Rosenheim nicht aus …“

von Redaktion

Aus der Volksmusikpflege Schlaglichter auf gesellige Unterhaltungen beim Märzenbier vor über 100 Jahren

Es muss eine Zeit gewesen sein im Rosenheim der Jahrhundertwende. Um 1900 gab es unzählige Gastwirtschaften, gesellige Stammtische und kleine und große Feste. Die Musik wurde noch von lebendigen und echten Menschen gemacht und war ganz analog – keine Spur von der heutigen digitalen Musikwelt oder KI-gestalteten Klängen.

Die Musikanten waren meist sehr geschätzt, sowohl als Einzelspieler oder in kleinen und größeren Besetzungen, je nach Bedarf und Gelegenheit. Und die geselligen Gelegenheiten förderten das Singen in Gemeinschaft zur eigenen Unterhaltung, denn die Schallplatte steckte noch als rauschende Schellackplatte in den Kinderschuhen – der Rundfunk begann in Bayern erst ab 1924 zu senden.

Die Prinzregentenzeit war die sogenannte „guade oide Zeit“, wenn man Georg Lohmeier Glauben schenken möchte. Mit seinem „Königlich-Bayerischen Amtsgericht“ hat er uns ein Bild der Gründerzeit vor dem Ersten Weltkrieg vermittelt, das natürlich nur in Teilen der Wirklichkeit entsprach, denn auch in Bayern gab es damals Unterdrückung und bittere Armut, „Freinderlwirtschaft“ und Missgunst – und eben auch Behördenwillkür, aber viel weniger Bürokratie als heute. Das Frauenwahlrecht kam mit der Revolution 1918/1919, in der sich auch viele Rosenheimer und Kolbermoorer eingereiht hatten. Und es gab die „Charakterköpfe“, weibliche und männliche, die in der Gesellschaft oft den Ton angaben.

Über zwei davon soll hier kurz berichtet werden, die für die Geselligkeit in Rosenheim vor über 100 Jahren eine wesentliche Rolle spielten und auch teils weit in die Region hinaus wirkten: Der Rosenheimer Stadtmusikmeister Franz Xaver Berr (1852 bis 1925) und der königlich-bayerische Postadjunkt Michl Kaempfel (1870 bis 1944) – es geht um ihr Wirken um 1900.

„So lang die wilde Mangfall sich in den Inn ergießt, so lang ma Brat- und Weißwürscht nur mit dö Finger ißt, so lang dem Berr sei Musi noch spielt das Bienenhaus, so lang stirbt die Gemütlichkeit in Rosenheim net aus.“

In mehreren Liedertexten, die Michl Kaempfel auf bekannte Melodien (beispielsweise auf „Solang der oide Peter …“) mit Lokalkolorit neu macht, setzt er dem Stadtmusikmeister F.X. Berr ein singerisches Denkmal: Berr versteht es mit seinen „Gesellen“ in Rosenheim gar prächtig, die kleinen und großen Musiziergelegenheiten mit seinen Klängen zu versorgen. Er war von 1882 bis zu seinem Tod als Nachfolger seines gleichnamigen Vaters, der Türmermeister in Rosenheim war, der neue Stadtmusikmeister. Er wirkte als meisterhafter Komponist, Bearbeiter und Musikmeister für Salonorchester, Blechmusik und Blasmusik – und war auch in der Kirchenmusik tätig. Er verlieh auch mit seinen eigenen Kompositionen für Tanzmusik dem Rosenheimer Gesellschaftsleben vor und nach 1900 eine einmalige musikalische Note.

„Wenn im März das Veilchen blüht, jupheidi, jupheida, alles naus zum Auer zieht, jupheidi, heida! Denn da fließt ein edles Naß aus dem Großen Fastenfaß! Jupheidi und jupheida …“

… so dichtete Michl Kaempfel wohl 1899 auf eine damals bekannte Melodie zum modischen Rheinländer-Tanz über den in Rosenheim beliebten Fastenbierausschank um den Josefitag herum. Sehr genau beschrieb er die „Kraft“ des Starkbieres zur Fastenzeit:

„Jeder sorgt an diesem Tag für a guade Unterlag. Denn sonst frißt das Fastenbiera groß Loch in Magen dir.“

Dann beschreibt Kaempfel, der mit 23 Jahren 1893 nach Rosenheim zum Bahnpostdienst versetzt wurde, was beim Bierabend so gegessen wurde: Bratwürst, Kraut, Brezen, Schweinshaxn, Ochsenmaulsalat und Schwartenmagen. Und natürlich lobt er in seinem Liedtext wieder den Berr und dessen Biermusik, die zum Mitsingen anregt: „Horch, jetzt spielt die Biermusik ein ganz nagelneues Stück. Lautstark singen alle mit, es ist ja ein Salvatorlied.“

Dass alle Besucher mitsingen können – dafür war gesorgt: Es wurden von der Brauerei kleine Heftchen mit den Texten von Kaempfel zu bekannten Melodien gedruckt. Direktor Willi Hermann von Auerbräu hat uns für unsere Forschungen im Jahr 2004 eines dieser Texthefte aus dem Jahr 1899 zur Verfügung gestellt. Schon im Jahr 2002 haben wir Ingeborg Armbrüster vom Stadtarchiv Rosenheim bei der Herausgabe einer Dokumentation über die Familie Berr unterstützt. Zukünftig werden wir an dieser Stelle weitere Schlaglichter auf die musikalische Szene in Rosenheim vor gut 100 Jahren werfen.

Berr und Kaempfel haben nicht nur für den Auerbräu dichterisch und musikalisch gearbeitet. Auch andere Auftraggeber wurden gern bedacht, so auch die Brauerei Flötzinger. Im „Flötzinger Löchl“ gründete Kaempfel 1903 den „Fünferl-Verein“ und wirkte als „Lokal-Humorist“. In seinen Bierliedern kommt es in der letzten Strophe oft zum Lob für den Auftraggeber.

So heißt die 11. Strophe des obigen Märzenbierliedes von 1899: „So, jetzt ist der Gsang zu End, nehmt die Maßkrüg in die Händ. Prost der edlen Sauferei: Es lebe hoch der Auerbräu!“

ernst schusser

Termine

Artikel 9 von 11