„Du gibst uns Kraft, du gibst uns Mut …“

von Redaktion

Die neuen Passionssingen der alpenländischen Volksmusikpflege haben sich vielerorts zu fester Tradition entwickelt

Die Erneuerungskraft der Volksmusikpflege bringt immer neue, den Situationen der Gegenwart und den Menschen angepasste Formen der Darstellung und der Nutzung von überlieferten Liedern, Melodien und Tänzen hervor. Im religiösen Leben können diese neuen Formen und Funktionen eine Hinführung der Menschen zum Glauben sein, außerhalb der offiziellen amtskirchlichen Formate. So war es etwa beim Aufkommen der neuen Adventssingen nach Kriegsende 1945 in Salzburg und München, die alsbald weit ausstrahlten und in der Gegenwart in vielen Orten fest verankert sind. Aber nicht nur für Advent und Weihnachten kennt die Überlieferung viele Lieder, die aus dem Singen früherer Generationen gesammelt und aufgezeichnet wurden.

In den 1960er-Jahren, also 15 Jahre nach der „Erfindung“ der alpenländischen Adventssingen, kam es zur kreativen Neugestaltung der Lieder, die in der Passionszeit, in der Karwoche und zum Osterfest die christlichen Glaubensinhalte und die Geschichten aus den Evangelien in einfachen Melodien und Texten umsetzten. Und wieder war die Region zwischen Salzburg und München daran wesentlich beteiligt. Der Unterwössener Pfarrer Franz Niegel schreibt dazu rückblickend im Jahr 1980 in einer Broschüre zum 70. Geburtstag von Pfarrer Otto Schüller mit dem Titel „Passionssingen in Berchtesgaden“, hier zusammenfassend wiedergegeben nach einem Beitrag von Eva Bruckner in der „Volksmusik-Zeitung“ (3/2024): „Es ist nicht leicht, die Anfänge der Passionssingen zu ergründen. Es führen Spuren nach München, wo der Bayerische Landesverein für Heimatpflege am 9. April 1960 ein Passionssingen gehalten hat. Karl Edelmann (1920 bis 2000) hatte mit dem Kiem Pauli (1882 bis 1960) noch ein Programm dafür ausgearbeitet. Eine andere Spur führt nach Rosenheim, wo ebenfalls 1960 das Ehepaar Brandmayer zusammen mit Fritz Kernich im Bildungswerk einen Singtag „Volkslieder zur Passions- und Osterzeit“ durchführte und dazu ein Liederheft erarbeitete.“

Auch Wastl Fanderl (Frasdorf) und Annette Thoma (Riedering) hatten sich mit Liedern aus bayerischen und österreichischen Sammlungen beschäftigt und einige für Gesangsgruppen in dreistimmiger Weise aufbereitet.

1966 kam es dann auf Einladung von Pfarrer Schüller in der Stiftskirche von Berchtesgaden zum ersten großen Passionssingen, an dem viele damals namhafte Gesangs- und Instrumentalgruppen der oberbayerischen Volksliedpflege mit eigens gelernten Liedern teilnahmen. Annette Thoma hatte zusammen mit Otto Schüller das Programm gemacht und dafür auch Lieder neugestaltet, die sie wegen der folgenden großen Nachfrage gern weitergab. 1973 gab Thoma ein Heft „Passions- und Osterlieder aus dem baierisch-alpenländischen Raum“ beim Bayerischen Landesverein für Heimatpflege heraus.

Entsprechend der Neubesinnung der katholischen Kirche im II. Vatikanischen Konzil griffen Annette Thoma, Otto Schüller und andere die damals spürbare Aufbruchstimmung in den Passionssingen auf: Passion und Ostern, Leiden und Auferstehung sahen sie als Einheit, als Beispiel für das Leben und den Glauben, in Hinwendung zur Ökumene und zum „Volk Gottes“. Dafür waren die über Generationen gesammelten Lieder als gesungene Glaubenszeugnisse die Basis, die in zeitgemäßer Neugestaltung wieder zu neuem Leben kamen.

Auch heute gibt es zahlreiche Passionssingen und Karwochenandachten mit geistlichen Volksliedern, die in der damals grundgelegten hoffnungsvollen Form den Blick von der Passion auf die österliche Auferstehung und die Kraft des Glaubens richten. So singen wir am Montag in der Karwoche in Mittenkirchen gemeinsam: „Du bist das Brot, Herr Jesus, du bist das Brot, o Herr. Du gibst uns Kraft, du gibst uns Mut. Bleib du in uns, o Herr.“ In den weiteren Strophen heißt es dann: „Du bist der Wein, der Weg, das Licht, die Liebe, das Leben…“ernst schusser

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