Von der Alpenhütte in den Kyffhäuser Berg

von Redaktion

Erlesene Oper Premiere zweier Einakter im Ballhaus Rosenheim

Rosenheim – Während das Repertoire der großen Bühnen sich mehr auf die „Bestseller“ der Opernliteratur verengt, um das Haus voll zu bekommen, müht sich Georg Hermansdorfer als Leiter der Erlesenen Oper erfolgreich als Schatzgräber.

Was er zu Tage fördert, sind zum Teil vergessene Werke, aber auch heute unbekannte Komponisten aus dem 19. Jahrhundert. Von „verlorener Liebesmüh“ kann man beim besten Willen nicht sprechen: Der Zuspruch von motivierten Sängern und Instrumentalisten ist beachtlich, nicht zuletzt auch die Akzeptanz eines neugierigen und dankbaren Publikums.

Im Rosenheimer Ballhaus hatten nun zwei Einakter, „Die Alpenhütte“ und „Der Kyffhäuser Berg“ Premiere. Als Komponisten firmierten zunächst der einst in Berlin als Beamter sein Brot verdienende Johann Philipp Samuel Schmidt und dann Heinrich Marschner, der seinerzeit durchaus erfolgreich in der „Oberliga“ der Opernkomponisten mitmischte. Beide Libretti stammen von August von Kotzebue, der als politischer „Rechtsaußen“ von dem Studenten Sand 1819 erstochen wurde. Sein Ur-Ur-Enkel, Otto von Kotzebue, war jahrelang als Bühnenmaler mit der Erlesenen Oper freundschaftlich verbunden.

Den Plot für beide Opern kann man eigentlich in einem Aufwasch skizzieren: Junges, braves Mädchen, Tochter jeweils eines armen Mannes, liebt den Sohn eines reichen Vaters. Dieser ist strikt gegen die Verbindung zweier Familien mit derart krass unterschiedlichem Level der Finanzen. Da müssen also nun schon einige unwahrscheinliche, ja wunderbare Ereignisse eintreten, um das verhärtete Herz der Papas zu erweichen! Im Grund bietet die typisierte Handlung der Musik die Möglichkeit, sich frei und farbig zu entfalten.

Das ging schon mit Vehemenz los in der Ouvertüre zur „Alpenhütte“: Ein Schneesturm tobt, Unheil dräuend. Da griff das Orchester beherzt und lustvoll diese Vorgabe auf, und Blech und Streicher und die Holzbläser befanden sich in bestem Einvernehmen.

Die konzertante Aufführung brachte keine Nachteile, denn die anschaulich illustrative Musik stand im Fokus der Aufmerksamkeit. Maestro Georg Hermansdorfer ist mit der Partitur auf Du und Du und kann so jede Nuance, jeden Kontrast und jeden „Gag“ seinen Instrumentalisten abverlangen. Ob Dramatik, lyrisches Feeling, melodiöser Schmelz – das Orchester versetzte sich spontan und mit Verve in jede Gefühlslage.

Aber natürlich: Was ist eine Oper ohne Sänger! Die sechs Protagonisten harmonierten stimmlich und schienen großen Spaß am temporeichen Zusammenspiel zu haben: Hayo Hashimoto (Mezzosopran) lieh in beiden Einaktern einer besorgten, liebevollen Mutter ihre angenehm füllige Stimme; sie mimte zudem eine gutartige Berghexe, die ein Herz für Sonntagskinder hatte.

Sieglinde Zehetbauer (Sopran) erfüllte anrührend die gehorsame Tochter mit frischem Leben, einmal als Clara, dann als Lieschen. Dass sie kein Kind von Traurigkeit ist, bewiesen ihre virtuosen Koloraturen. Als reicher, aber von Papa abhängiger Lover warb Bernhard Teufl (Tenor) temperametvoll und charmant um die Geliebte, zunächst als Maler Federico, dann als Wirtssohn Töffel.

Oh, die Väter! Eigentlich gab es deren Drei: Rainer Bopp (Bariton) als Marchese Villanova und Wirt Jobst und Andreas Agler (Bariton) als altruistischer Sympathieträger. Obwohl im zweiten Einakter von Beruf nur Nachtwächter, wusste Agler mit seiner stimmlichen wie schauspielerischen Präsenz die Bühne zu beherrschen.

Und schließlich taucht auch noch ein leiblicher Vater auf: Simon Hermansdorfer (Bariton), der 20 Jahre lang im Kyffhäuser Berg verzaubert, von der Außenwelt gänzlich isoliert war. Was aber seinen geschmeidigen, pfiffigen und sympathischen Gesang offenbar nicht beeinträchtigt hat.

Marchese Villanova und der Wirt Jobst werden nur durch Schaden klug. Rainer Bopp bringt diese moralische Kehrtwendung mit Aplomb und markanter Deklamation zum Ausdruck.

Verwirrend? Nicht, wenn man live dabei ist. Nochmal: die Plots sind simpel, die Alpenhütte und der Kyffhäuser eigentlich nur Deko. Mitreißend sind die Charaktere der handelnden Personen, und die werden von den Sängerinnen und Sängern souverän ausgekostet. Übrigens auch vom reizend kostümierten Chor, der tatkräftig seinen Teil zum guten Gelingen beitrug.

Wie sich’s für eine zünftige Oper gehört: Heftiger Beifall, Bravorufe und Getrampel – sozusagen mehrere Vorhänge.Walther Prokop

Artikel 7 von 9