„Mit 20 hat man noch Träume, da wachsen alle Bäume in den Himmel …“ – dieser Schlagertext passt sinnbildlich und rückwirkend auf den jungen Wastl Fanderl (1915 bis 1991). In Bergen im Chiemgau als Sohn eines Baders und einer Frasdorfer Wirtstochter geboren war er mitten im lebendigen musikalischen Dorfgeschehen. Ganz natürlich lernte er Zither, hörte die Männer in den Wirtshäusern singen, die Frauen auf der Hausbank – alte Lieder, auswendig, meist für sich zur eigenen Unterhaltung und Freude – aber auch für die Gäste, die zunehmend auch nach Bergen kamen und unterhalten werden wollten. Die Sänger um Josef Buchner, den „Gamsei von Bergen“, wussten passende almerische Lieder und dichteten auch Heimatlieder auf ähnliche Weisen. All das hat den jungen Fanderl umgeben – und auch der Besuch vom Kiem Pauli bei seiner Liedersuche 1927/1928 im Chiemgau. In späteren Jahren erzählte Fanderl gern von dieser Begegnung, wo er als Zwölfjähriger dem „Narrischen, der Liada sammelt“ mit der Zither vorgespielt hatte, was er im Unterricht gelernt hatte.
„Das Dorf der 100 Lieder“ – diesen Titel bekam Bergen in den 1930er-Jahren, nicht zuletzt durch Rundfunksendungen, die der junge Fanderl mit Sängern und Musikanten als Direktübertragungen vom Reichssender München gestaltete. Es war die Zeit, als die Nationalsozialisten alle Kultur in die eigene Hand bekommen wollten und den autoritären und totalitären Staat aufbauten. Dafür wurde auch in großen Teilen die öffentliche Aufführung von Volksmusik missbraucht – die aber auch die ganze Zeit im Kleinen und oft unbeobachtet in ihrer Vielfalt weiterblühte.
Der von den Wittelsbachern gegen die Herrschenden in Schutz genommene Kiem Pauli (1882 bis 1960) veröffentliche 1934 seine in den Dörfern zusammengetragene „Sammlung Oberbayrischer Volkslieder“ als dickes Buch. Nach dem Egerer Preissingen 1930 zog Kiem mit seinen neuen Sängergruppen bei volksmusikalischen Heimatabenden durch die Orte, in denen er seine Form der Volksliedpflege darstellte, die sich von der politisch gewollten Darbietung unterschied. Bei einem Abend 1931 in Schloßberg lernten die jungen Leute der Familie Thoma diese Volksmusik kennen und ihre Begeisterung sprang auf ihre Mutter Annette Thoma (1886 bis 1974) über, die auf Anregung vom Kiem Pauli 1932 ihr „Riederinger Weihnachtsspiel“ mit alten Hirtenliedern aus der Sammlung von August Hartmann und Hyazinth Abele (1884) gestaltete. Am Namenstag vom Kiem Pauli 1933 überraschte sie diesen mit ihrer „Deutschen Bauernmesse“, gesungen von den „Riederinger Buam“.
In diese Begeisterung für das Volkslied tauchte auch der junge Fanderl Wastl ein und veranstaltete zum Jahreswechsel 1935/1936 seine erste eigene Singwoche in Bergen, ohne KdF und zur großen Freude der 16 bis 18 Teilnehmer. Fanderl meldete sich mit den „Bergener Kindern“ dann für das Kinderpreissingen, das Kiem Pauli, Kurt Huber und Hauptlehrer Kammerer 1936 in Burghausen veranstalteten. 1936 gaben Huber und Kiem auch ihr kleines „Altbayerisches Liederbuch für Jung und Alt“ heraus, mit dem sie die Volksliedpflege in die von ihnen gewünschte regionale oberbayerisch-alpenländische Richtung lenken wollten.
Das war die Zeit und Situation, in der sich Wastl Fanderl entschieden hat, selber zu sammeln, selber aktive Volksliedpflege zu treiben und seine Lieder selber herauszugeben. In der Singwoche lernte er vor allem von den weiblichen Teilnehmern viele Kindersprüche und Kinderspiele kennen. In Burghausen 1936 kamen viele Lieder von anderen jungen Leuten dazu – und er bewegte sich mit offenem Sinn und Notenpapier durch die Orte, besuchte Bekannte und wurde weiterempfohlen. Vieles zeichnete Fanderl in diesen späten 1930er-Jahren auf, auch von Freunden und Mitsängern wie dem Wirtssohn Martl Meier aus St. Georgen.
Seine Mitarbeit am von Walter Schmidkunz und Karl List herausgegebenen „Leibhaftigen Liederbuch“ (1938) brachte für den 23-jährigen Fanderl auch schlechte Erfahrungen: Seine Liedaufzeichnungen wurden gern übernommen – aber am wirtschaftlichen Erfolg des Buches war er nicht beteiligt. Somit entschloss er sich, sein „eigener Herr“ zu bleiben und ein eigenes Liederbüchl herauszugeben, das er nach einem Bergener Kinderspruch „Hirankl Horankl“ benannte.
Bei der Zusammenstellung suchte er neben eigenem Sammelgut auch in den österreichischen gedruckten Sammlungen nach passenden Liedern, die er teils auch in eigener Weise bearbeitete und im neuen dreistimmigen Singsatz abdruckte.
Auch Lieder, Kindersprüche und Jodler von Kameraden aus dem Arbeitsdienst, der Ausbildung für die Reichswehr und dann im Kriegseinsatz, hat er aufgenommen – es waren gefühlsbetonte Erinnerungen in schwerer Zeit an die Heimatorte der Soldaten.
1943 wurden diese „Liadl vom Alpenland gesammelt vom Fanderl Wastl“ gedruckt: „Hirankl Horankl – Wiegengsangl, Kinderversl, Bauernratsel, Jodler und viele lustige Liadl für Dirndl und Buam vom Alpenland“ steht im Untertitel – und man erkennt oftmals den Gestaltungswillen von Wastl Fanderl und seine eigene Singform. 1943 war das Jahr als der Bombenkrieg deutsche Städte erreichte, als mit der Niederlage der Wehrmacht bei Stalingrad Goebbels den „Totalen Krieg“ propagierte – und Professor Dr. Kurt Huber von den Nationalsozialisten wegen Mitgliedschaft bei der „Weißen Rose“ hingerichtet wurde.
Heuer haben wir das „Hirankl Horankl“ nach langjähriger Recherche, etwa mit Nachforschungen zu Fanderls Gewährspersonen in unserer Region, als umfangreich kommentierte Neuausgabe fertiggestellt. Zusammen mit dem Heimatverein Frasdorf gestalten wir einen Volksmusikabend am Mittwoch, 14. Mai, um 19.30 Uhr im Paulschmiedsaal in Frasdorf. Es geht um „Wastl Fanderl und seine Zeit“, die 1930er- und 1940er-Jahre und das „Hirankl Horankl“. Natürlich gibts auch Saitenmusik zum Zuhören und viele Lieder zum Mitsingen. Ernst Schusser