Rosenheim – Mit herkömmlicher Klassik kann man – wenigstens in Rosenheim – scheint’s keine Säle mehr füllen. Mit Projekten wie „Rock meets Klassik“ schon: Von der Bühnenrückwand droht mit gerunzelter Stirn der blumenzerfetzte Beethoven, während die Anfangstakte seiner Schicksalssymphonie verrockt und überlaut, durch rhythmisches Zuhörer-Klatschen verstärkt, durch den Saal dröhnen, mit einem Knall eine Konfetti-Kanone Konfettischlangen ins Publikum schießt und später übergroße Luftballons ins Publikum geworfen werden, von diesem vergnügt weitergeschubst. Dann stürmt der Sänger im schwarzen Rocker-Outfit auf die Bühne und animiert die Zuhörer sofort dazu, die Hände in die Höhe zu recken: So beginnt man ein publikumswirksames Konzert.
Klassische
Ausbildung
Der Sänger ist „The Dark Tenor“ namens Billy Andrews, ein in Graz geborener deutsch-amerikanischer Sänger, der im Dresdner Kreuzchor und im Sinfoniechor der Dresdner Semperoper gesungen hat, dann aber sein künstlerisches Glück im Crossover-Bereich gefunden hat. „Dark Tenor“ heißt er, weil er anfangs mit schwarzer Maske, später mit schwarzer Halbmaske und dann mit schwarz ummalten Augen aufgetreten ist. Im Kuko war sein sympathisch lächelndes Gesicht vollständig zu sehen – außer, wenn beim Headbanging die blonden Haare seines Irokesenschnittes das Gesicht verdeckten.
Begleitet wurde er von seiner wie entfesselt spielenden fünfköpfigen Band, die aus lauter exzellenten Musikern besteht: Der junge Schlagzeuger brachte mit seiner Bassdrum den Boden des Kuko zum Beben, der fingerfertige Keyboarder beherrschte alle Stile, die Gitarristen rockten, was das Zeug hielt, dazu gesellte sich überraschenderweise eine Cellistin, die Paganini-Schnipsel und Bach-Cello-Suiten-Anfänge lautsprecherverstärkt ins Musikgetümmel warf und ein Instrument spielte, das – nach den Worten Andrews‘ – mittels Maisstärke aus dem 3D-Drucker kam.
Die Klassik kam meist als Anfangsversatzstück, ob die Anfangstakte von Mozarts g-Moll-Symphonie, die dann zu „Love is light“ wurde, von Bachs C-Dur-Präludium aus dem „Wohltemperierten Klavier“ oder Dvoraks Finalhymnus aus seiner 9. Symphonie, zu der Billy Andrews eine eigene, durchaus passende hymnische Rock-Ballade sang mit dem Titel „Love is a Paradise“ – wenn sich der Rezensent nicht verhört hat. Alle Handytaschenlampen wurden im Saal geschwenkt zum romantischen Song „River flows“ des koreanischen Pianisten und Komponisten Yiruma, den die Filmfans gerne in „Twilight“ verwendet wissen wollten, ganz liebesglühend und nur leise begleitet sang „The Dark Tenor“ den auch textlich schönen Liebes-Song „You raise me up“. Immer hatte Billy Andrews sein Publikum voll im Griff, ließ es nach Belieben aufstehen oder setzen oder gar mitsingen, plauderte ganz nonchalant und schlagfertig mit den Zuhörern, kokettierte mit seiner, von der eigenen Mutter gering geachteten, Musikverrücktheit und gefiel einfach mit entwaffnendem Schwiegersohn-Charme.
„Ode an die Freude“
als Zugabe
Nach pausenlosen eindreiviertel Stunden gab’s noch drei gern gewährte Zugaben: Mozarts „Heidenröslein“ dramatisiert, geröhrt und geröchelt, dann den unverwüstlichen Opern-Hit „Nessun dorma“ aus Puccinis „Turandot“ umgewandelt und verrockt in „No sleep“ in Heldentenor- und Rockstar-Pose und als endgültigen Schluss Beethovens „Freude, schöner Götterfunken“, rockig geschmettert und von den erstaunlich textsicheren Zuhörern hymnisch mitgesungen.