Rosenheim – Das „Magnificat“ von John Rutter hört sich leichter an, als es sich singt. Das war zu hören beim Frühjahrskonzert der Innphilharmonie im gut gefüllten Kultur- und Kongresszentrum unter der Leitung von Andreas Penninger. Dieser marianische Lobgesang vereint lateinamerikanisch fröhliche Rhythmik mit Gregorianischem Choral, mittelalterliche Hymnik mit moderner Fugentechnik, reichhaltiges Schlagwerk mit keuschem Chorgesang: Musik aus der alten europäischen und neuen amerikanischen Welt.
Der Chor zeigte gehörigen Respekt vor dieser formal reichhaltigen Partitur, was sich an mancher Zagheit vor allem bei den Frauenstimmen zeigte. Ungünstig war die Choraufstellung: Der Chor war ganz in die Breite gezogen, stand tiefengestaffelt. So konnten die Stimmgruppen nicht gut genug aufeinander hören.
Hell und fröhlich war der erste Satz
Aber die komplizierte Rhythmik mit den vielen Taktwechseln bewältigten die Sängerinnen und Sänger, der erste Satz kam vorschriftsmäßig „bright and joyful“, also hell und fröhlich, der Wechselgesang von Frauen- und Männerstimmen klang wie ein Mönchs- und Nonnengesang, die jazzige Fuge kam klar. Nur wenn der Chorgesang nicht orchestergestützt war, schien er immer ein bisschen gefährdet.
Aber als Barbara Giglmayr-Frandl zu singen begann, war alles anders: So keusch und rein, so fließend und flehend, so innig betend sang sie, dass nach dem wiegenliedähnlichen „Et misericordia“ eine Zuhörerin spontan „Wunderbar!“ ausrief und damit eine Welle von Zwischenapplaus initiierte. Höhepunkt war die „Esurientes“-Arie der Solistin mit der gedämpften Streicherbegleitung, wieder mit Zwischenapplaus belohnt. Und plötzlich begann auch der Chor inniger zu singen, begann manchmal fast zu beten beim Singen und beschloss hymnisch jubelnd dieses „Magnificat“. Großer Schlussapplaus belohnte dieses chorische Wagnis.
Nach der Pause war das Orchester der Innphilharmonie der Star und konnte zeigen, wie genau es mit Andreas Penninger gearbeitet hat. Die 9. Symphonie von Antonín Dvorák, auch betitelt „Aus der Neuen Welt“, weil sie in Amerika entstand und uraufgeführt wurde, lebt unter anderem von den Spielkünsten der Hörner, die das Hauptthema wie einen Weckruf und zusammen mit den Trompeten den hymnischen Schluss prägen, und des Englischhorns, das die berühmte Melodie des zweiten Satzes trägt: Beides gelang vorzüglich, die Hörner tönten sicher und satt und das Englischhorn sang sehnsüchtig seine Weise, von den Geigen sanft sinnend begleitet. Das Elegische, Träumende, Erzählende der Musik dieses Satzes war in zart durchsichtiger Instrumentation gut herausgearbeitet.
An dieser Symphonie kann ein Orchester wie das der Innphilharmonie reifen – und es nahm diese Möglichkeit eifrig wahr. Sehr belebt war der Kopfsatz vom überlegenden und dann rumorenden Anfang bis zu den Hornrufen und der kurzen Durchführung, alles sehr energisch geführt und befeuert vom Konzertmeister Levin Creuz. Nur der Flöteneinsatz des Seitenthemas kam etwas zu zurückhaltend leise. Markant im Rhythmus und gleichzeitig böhmisch melodienselig tanzte das Scherzo, so melodien- und tanzselig, dass sogar die Triller tanzten.
Sehr gut waren die Übergänge gestaltet. Und geradezu blitzend majestätisch stimmten die Blechbläser im Finale das hymnische Marschthema an. Und wieder kamen die Reaktionen der Zuhörer unmittelbar: Jeder Satz wurde eifrig beklatscht – nur der zweite Satz nicht, als wollten die Zuhörer die träumerische Ruhe nicht stören.
Restlos ausgepowert war der unermüdlich Impulse gebende Dirigent Andreas Penninger danach, hatte aber nach dem jubelnden Beifall noch Kraft für die Zugabe, den breit und klangschwelgend ausgespielten Slawischen Tanz op. 72 Nr. 2, ebenfalls von Dvorák, mit dem die Musik wieder in die Alte Welt zurückkehrte. Ein komplexes Oratorium und eine gewichtige Symphonie – ein durchaus gehaltvolles Programm für ein Frühlingskonzert.