Virtuose Wucht und Ausdruckskraft

von Redaktion

Der lettische Pianist Georgijs Osokins begeistert auf Schloss Neubeuern

Neubeuern – Vielleicht war mancher Zuhörer zunächst enttäuscht, dass Elena Bashkirova aus Krankheitsgründen kurzfristig ihr Konzert mit Mozartsonaten abgesagt hatte. An ihrer Stelle trat im Schlosssaal von Neubeuern der lettische Pianist Georgijs Osokins mit einem eigenwilligen romantischen Programm auf, für das er viel Beifall erhielt.

Möglichkeiten des Flügels ausgereizt

Zunächst spielte Osokins die Variationen zur Gesundung von Arinuschka von Arvo Pärt. Der einfache Stil des minimalistischen Stückes ist von der mystischen Erfahrung des Komponisten mit Kirchengesang geprägt und durch die Verwendung einer Melodie- und einer Dreiklangstimme gekennzeichnet. Der Pianist spielte das teilweise von wuchtigen Akkorden geprägte Stück langsam und meditativ im Tempo mit großer Hingabe und Konzentration.

Ohne Übergang erfolgte die Chaconne aus der Partita Nr. 2 in d-Moll von Bach in einer Bearbeitung von Ferrucio Busoni. Ohne sich von Bachs Vorlage zu weit zu entfernen, übertrug Busoni die Virtuosität des Streichersatzes auf die Gegebenheiten des Tasteninstrumentes. Osokins reizte die Möglichkeiten des Flügels kongenial aus, indem er den Bachschen Klangkosmos ernst und mit großer Leidenschaft zu Gehör brachte.

Schade aber, dass die Préludien von Rachmaninow und Skrjabin ohne Pause aufeinanderfolgten. Mit dem D-Dur-Prélude aus der Sammlung Opus 23 gelang Rachmaninow ein wunderbar träumerisches Nocturne im Stile Chopins. Osokins spielte auch das melancholische Präludium in gis-Moll voller Zartheit und Abgeklärtheit.

Mit mitreißender pianistischer Virtuosität und interpretatorischem Gespür führte Osokins vier emotionsgeladene Stücke von Alexander Skrjabin auf. Besonders wild war das Poème: Vers la flamme op 72, das der Pianist derart exaltiert und kraftvoll darbot, dass die Zuhörer am Ende begeistert applaudierten. Nach dem wiederum knappen meditativen Stück „Für Alina“ von Arvo Pärt folgten vier Klavierwerke von Chopin. Sanft fließend und gefühlvoll strömte das Nocturne in Des-Dur op. 27. Nr. 2. Mal dramatisch gesteigert, dann wieder ätherisch hingehaucht erklang die Mazurka in cis-Moll op. 50 Nr. 3. Zum Mitsummen schließlich animierte das Stück „Souvenir de Paganini“ mit seiner einprägsam schlichten Melodie „Mein Hut, der hat drei Ecken.“

Zugaben vom Publikum umjubelt

Franz Liszts einsätzige „Fantasia quasi Sonata“ geht auf die Abteilung „Inferno“ aus Dantes Dichtung zurück. Sie beschreibt effektvoll den wilden Ritt der Seele zur Hölle, der schließlich mit einigen versöhnlichen Akkorden in einer Art Verklärung endet. Liszts technisch brillante Raffinesse interpretierte Osokins mit vollem Körpereinsatz, virtuoser Wucht und fesselnder Ausdruckskraft. Hinreißend waren schließlich die zwei heftig umjubelten Zugaben, das Lied „Morgen“ von Richard Strauss und die hypnotisierenden Variationen „Fratres“ von Arvo Pärt.

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