Erl – Die größte Geschichte aller Zeiten wirkt bebildert viel stärker als erzählt. Das merkte man wieder bei den Passionsspielen Erl, die am Sonntag ihre Premiere hatten. Seit 1613 spielt das kleine Dorf Erl mit immensem Kraftaufwand alle sechs Jahre die Leidensgeschichte Christi nach. Beim feierlichen Eröffnungsgottesdienst mitten im Bühnenbild erneuerten die Erler ihren damals geleisteten Eid.
Für den starken Bildeindruck verantwortlich ist zum großen Teil das Bühnenbild: Hartmut Schörghofer hat eine diagonal verlaufende Treppe gebaut, die von der Geburt Jesu bis hin zu dessen Kreuzigung führt. Auf dieser Treppe gruppieren sich immer wieder die Hohepriester, Jünger und Römer, diese Treppe wird zur steil ansteigenden Via Dolorosa, über die Jesus ächzend sein Kreuz schleppt, das untere Ende der Treppe ist Ort des Grabes und der Auferstehung.
Berge bersten
und Treppe bricht
Rechts oben öffnen und schließen sich zackige Bergstücke, deren Grate weiß oder rot aufglühen. Dort, auf dem Berg Golgotha, ereignet sich auch die Kreuzigung: Beim Tod Jesu bersten unter musikalischem Donnergetöse die Berge und die Treppe bricht. Bildkräftig ist auch die Kostümauswahl (Juliane Herold): Jesus erscheint im strahlendweißen Wollgewand, seine Jünger in Braun-Beige, das Volk in Orange-Tönen und die Hohenpriester in giftgelben Gewändern. In den Bergzacken versteckt sind Chor und Orchester, die die Musik von Christian Kolonovits spielen und singen, sehr aufmerksam und souverän geleitet von Toni Pfisterer.
Die Musik untermalt Reden und Geschehen, äußert sich im melodischen Gesang der Personen, in Chor-Vokalisen oder in fröhlicher hebräischer Tanzmusik der Massen. Sie ist wie eine monumentale Filmmusik, die auch manchmal durch ihre Monumentalität die Reden zudeckte. Das hervorragend aufspielende schlagwerkdominierte Orchester war so raffiniert elektronisch verstärkt, dass sie wirklich wie Filmmusik wirkt.
Den Text und die Regie verantwortet Martin Leutgeb. Er ordnet das Geschehen in 26 Szenen, die mit kraftvoll-kernigen Worten alles wort- und bildmächtig darstellen. Imponierend sind die Massenszenen: In Sekundenschnelle füllt sich die Riesenbühne mit Volk, vor allem mit vielen Kindern, Volk, das sich gegen die römische Besatzung auflehnt, das Jesus beim Einzug wie einen Popstar feiert, dann aber schreiend und geifernd Jesu Kreuzigung fordert.
Ausgefeilte kurze Rollen sorgen für Belebung: Die junge Sarah (Emma Angerer) beweist Mädchenmut vor Pilatus und den Hohepriestern, ein Knabe (Johannes Staffner), anfangs Jesus als Kind, am Ende als Auferstehungsengel, spendet Jesus immer wieder Kraft und Trost.
Zu Beginn lodert oben am Berg der brennende Dornbusch, um die Verzahnung des Alten und Neuen Testaments zu zeugen. Von ihm nimmt Magdalena die Dornenkrone für Jesu Geißelung: Ein starkes Bild – dessen Theo-Logik die Theologen beurteilen mögen. Leutgeb integriert geschickt die biblische Vorgeschichte in die Dialoge, lässt die Hohenpriester über Jesu angebliche Geburt diskutieren, dialogisiert die Bergpredigt und stellt Jesu Worte in neuer Ordnung zusammen, die dadurch neue Wirkung entfalten. „Steinbruch-Exegese“ nannte diese Methode die theologisch kundige Sitznachbarin, die über Passionsspiele promoviert.
Viele gewichtige Worte und Rollen gibt Leutgeb den Frauen, die Jesus folgen. So stimmt Maria (innig: Renate Maier) nach Jesu Festnahme drohend das Magnificat an mit den revolutionären Worten: „Er stößt die Gewaltigen vom Thron.“
Jesus selber stellt Leutgeb als absoluten Friedensfürsten dar, der die W elt durch Liebe revolutionieren will und nicht durchs Schwert – was Judas Ischariot (verzweifelt: Mario Schaffer) dazu bringt, ihn zu verraten, um endlich den Kampf mit dem Schwert beginnen zu können. Jesus selber (charismatisch: Stefan Pfisterer) spielt sich die Seele aus dem Leib, preist kraftvoll die Liebe, lehrt und weist zurecht und leidet elendiglich bei seiner Geißelung und Kreuzigung. Hohnvoll-berechnend und politisch statt theologisch denkend agiert Kaiaphas (chefmäßig: Gerhard Kneringer), fast mitleiderregend war die Verzweiflung des Pilatus (Erwin Kronthaler) nach Jesu Tod. Immer neue Bilder berühren: Der römische Hauptmann Longinus hilft bei der Kreuzabnahme und legt Jesu Leichnam in Mariens Schoß: Die Handlung erstarrt zur Pietà. Einmal wütet oben auf dem Berg Johannes der Täufer: „Kehrt um!“ Nur das letzte Abendmahl ereignet sich nicht im Sitzen, sondern im Stehen.
Zuschauer erschüttert
und begeistert
Diese Erler Passion endet nicht mit Jesu Tod, sondern mit seiner Auferstehung: Der Engelknabe schiebt mit leichter Hand die Treppenpodeste, also die Grabsteine, weg und ruft den heraneilenden Frauen zu: „Sucht die Lebenden nicht bei den Toten!“ Doch dann erscheint Jesus selber wieder und spricht: „Ich bin die Auferstehung!“ – Diese Theo-Logik mögen die Theologen beurteilen. Immerhin hat hier Jesus das letzte Wort. Das letzte Bild aber ist ein Freudentanz aller Mitwirkenden mit Jesus mittendrin, der an den „Hosianna“-Tanz zu Beginn anknüpft: Freude am Anfang und am Schluss.
Spontan erhoben sich die so erschütterten wie begeisterten Zuschauer von ihren Sitzen, feierten die Darstellung der Leidensgeschichte und sangen ergriffen mit beim „Großer „Gott, wir loben dich“.