Rosenheim – Die Literaturwissenschaftlerin Anne Bohnenkamp-Renken spricht auf Einladung der Goethe-Gesellschaft Rosenheim am Mittwoch, 9. Juli, um 19.30 Uhr im Künstlerhof am Ludwigsplatz über Goethes Begegnung mit dem persischen Dichter Hafis. Bohnenkamp-Renken studierte Germanistik, Philosophie und Publizistik in Göttingen und Florenz. Sie promovierte mit einer Arbeit über Goethes Faust und habilitierte an der Universität München. Seit Juni 2003 ist sie Direktorin des Freien Deutschen Hochstifts/Frankfurter Goethemuseums und lehrt seit 2012 als Professorin für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Frankfurt am Main.
Das Thema Ihres Vortrags in Rosenheim lautet: „Auf dem Weg zur Weltliteratur. Über Goethes Begegnung mit Hafis.“ Wie ist Goethe überhaupt auf den persischen Dichter aufmerksam geworden?
Goethe hatte von seinem Verleger Cotta die kurz zuvor in dessen Verlag erschienene erste deutsche Gesamtübersetzung des „Divan“ von Hafis erhalten. Der Übersetzer war der Orientalist und Diplomat Joseph Hammer, später Joseph von Hammer-Purgstall. Die Lektüre im Frühjahr 1814 hat ihn sofort zu eigener Dichtung inspiriert.
Hafis hat im 14. Jahrhundert in einer ganz anderen Welt gelebt. Was hat Goethe an dem persischen Dichter fasziniert?
Trotz der großen Ferne einer historisch, kulturell und poetisch in der Tat sehr anderen Welt hat Goethe auch viele Gemeinsamkeiten entdeckt: vom Leben eines Dichters in unruhigen Zeiten am Hof eines Fürsten bis zum Motiv des fortgeschrittenen Alters, das auch in den Ghaselen des Hafis eine Rolle spielt. In der Übersetzung Hammers fand Goethe auch viele Anklänge an die anakreontische Dichtungstradition, die seine eigenen Anfänge geprägt hatte. Vor allem aber auch: die unorthodoxe Haltung des dichtenden Koran-Gelehrten.
Wie hat Hafis Goethes dichterisches Werk beeinflusst?
Die Hafis-Lektüre hat die Entstehung der umfangreichsten und schönsten Gedichtsammlung Goethes ausgelöst – den west-östlichen Divan. Das damit einhergehende Studium der großen Dichtungen der orientalischen – vorrangig persischen – Welt hat auch in den folgenden Dichtungen Spuren hinterlassen, so im zweiten Teil des Faust, und stellt einen wichtigen Schritt dar auf dem Weg zu Goethes Vorstellung einer Weltliteratur. Die Begegnung mit der „unendlichen“ Poesie des Orients trägt auch dazu bei, die eigenen ästhetischen Vorstellungen zu erweitern.
Konnte er die Texte von Hafis im Original lesen?
Nein. Goethe übte sich zwar in arabischer Schrift und ließ sich von seinem orientalistischen Berater in die Anfangsgründe der persischen Sprache einführen, konnte die Texte aber nicht selbständig im Original lesen.
Was versteht Goethe unter „Weltliteratur“?
Etwas anderes, als heute meist damit gemeint ist. Nämlich nicht einen Kanon der besten oder gar die Summe aller literarischen Werke der Welt – sondern einen Prozess: den Austausch der ‚Literaturen und Literatoren‘ seiner Zeit über nationale, sprachliche und kulturelle Grenzen hinweg.
Kann Goethes Beschäftigung mit dem Orient in unserer Zeit eine Hilfe für ein besseres Verständnis von Orient und Okzident sein?
Er kann dazu ermutigen, sich auf die „andere“ Kultur und Poesie einzulassen und im Fremden das Eigene und im Eigenen das Fremde zu entdecken.
Die Mitglieder der Goethe-Gesellschaft sind eher in einem fortgeschrittenen Alter. Wie kann man junge Menschen für Goethes Leben und Werk begeistern?
Eine entscheidende Rolle spielen die Lehrer – in meinen Seminaren an der Universität Frankfurt treffe ich nach wie vor auf Studierende, die von ihren Deutschlehrern für Goethe begeistert worden sind. Auch unser neues Museum in Frankfurt richtet sich gerade auch an junge Menschen; außerdem bieten wir Lehrerfortbildungen an.
Interview: Georg Füchtner