Aschau – Auf den ersten Blick bieten die sehr realistischen Bilder des in Berlin lebenden Malers Hermann Reimer eine vertraute, anheimelnde Welt, oft mit Möbeln und Tapeten aus den 1960er- oder 1970er-Jahren, wie es eben im Haus von Onkel Walter und Tante Amalie aussah. Auf den zweiten und dritten Blick aber schaut nichts mehr vertraut „normal“ aus, es öffnen sich „parallele Realitäten“, wie es die Kunsthistorikerin Andrea Kühnhackl bei der Vernissage der neuen Ausstellung beim Verein „Kunst und Kultur zu Hohenaschau“ an der Festhalle formulierte.
Die Tapetenmuster gehen zum Beispiel in Reimers Bildern manchmal nahtlos in die Gesichter der abgebildeten Menschen über. Architektur, das heißt feste, sichere Wände, bietet keinen Schutz. Die Figuren sind Teil des Mobiliars und wirken daher verstörend surreal. Der Betrachter steht staunend fragend davor.
Hermann Reimer, 1959 im westfälischen Münster geboren, ist ursprünglich Diplomphysiker und studierte erst später, ab 1984 bis 1989, Malerei an der Hochschule der Künste in Berlin und war ab 1990 Meisterschüler von Klaus Fußmann. Ab 2014 folgte eine intensive Ausstellungstätigkeit mit Einzelausstellungen in renommierten Galerien in Berlin, Ludwigshafen Solingen und vielen anderen Orten.
In Hohenaschau sind seine Architekturbilder zu sehen, viele aus den vergangenen zwei bis drei Jahren, einige auch von 2010 bis 2016. Ein anderes großes Arbeitsgebiet ist bei Hermann Reimer auch der Wald in all seinen Schattierungen und großartige Landschaftsgemälde. Im Gespräch mit Kunsthistorikerin Andrea Kühnhackl sagte Hermann Reimer, es mache ihm „total viel Spaß, dass ich in den Bildern etwas mache, was es in der Realität nicht gibt“ und „ich behandle Menschen in meinen Bildern wie Möbel“. Dabei spielen die Titel bei Reimer oft eine große Rolle, weil sie das Interpretationsbedürfnis des Betrachters lenken.
Da ist zum Beispiel das großformatige Bild mit dem bedeutungsschwangeren Titel „Nur die Sonne war Zeuge“: In einem von Mauern umgebenen Gärtchen in einer Siedlung sitzt ein junger Mann auf einem Schemel im Garten. Vor ihm auf der Terrasse liegt ein verlassener Teddybär auf dem Rücken, anderes Spielzeug liegt ebenfalls herum. Wo ist das Kind? Was ist passiert? Unwillkürlich entstehen viele Fragen.
Ebenso ist es bei dem Ehepaar am „Pool“, so der Titel. Die Gesichter der beiden eng beieinander stehenden Personen sind gepixelt, nur im Pool spiegeln sich die echten Gesichtszüge.
Auch Reimers kleinformatige Gemälde, auf denen keine menschlichen Figuren zu sehen sind, von „Grünes Bad“ bis „Tisch“ oder „Roter Vorhang“, lassen allein durch die Anordnung der Möblierung, der Raum- und Landschaftssituationen, Farbgebung und Perspektive ganze Geschichten vor dem inneren Auge des Betrachters entstehen.