Erl – Mit gleich vier Reden, die den Europa-Gedanken beschworen, begannen die Tiroler Festspiele Erl, die erste Sommersaison des neuen Intendanten Jonas Kaufmann – der allerdings nicht sprach. Der Festspielpräsident Hans Peter Haselsteiner, der bisher immer seine profunden, bisweilen auch aneckenden Gedanken zu Europa ausgebreitet hatte, übergab diese Rolle an gleich drei Politiker: Der Tiroler Landeshauptmann Anton Mattle erinnerte daran, dass vor 80 Jahren der Zweite Weltkrieg zu Ende ging, dass vor 70 Jahren die Republik Österreich wieder frei und vor 30 Jahren Mitglied der Europäischen Union wurde, und er schloss pathetisch: In Erl könne man drei Herzen schlagen: das europäische, das österreichische und das tirolerische Herz. Franz Fischler, ehemaliger EU-Kommissar für Land- und Forstwirtschaft, mahnte, das schwächelnde Europa müsse sich auf seine Stärken besinnen, Bürokratie bekämpfen, sich reformieren, auf seine Fähigkeiten vertrauen und wachsam sein. Die österreichische Außenministerin Beate Meinl-Reisinger setzte auf Beziehungen zu Menschen, warnte vor Bequemlichkeit, Resignation und Lethargie, setzte auf Zuversicht und eröffnete die Festspiele offiziell.
Doch, es gab auch noch Musik, nämlich von Hans Pfitzner, Richard Wagner und Claude Debussy. Bei all den Europa-Beschwörungen wäre es sinnvoller gewesen, drei Komponisten aus drei verschiedenen europäischen Nationen auszuwählen und nicht gleich zwei deutsche, ja sehr deutsche Komponisten. Die durch ihre Loslösung aus dem dramatischen Zusammenhang isoliert wirkenden und sowieso reizarmen Vorspiele zur Oper „Palestrina“ von Hans Pfitzner waren degradiert zur Zwischenreden-Musik und wirkten dadurch noch weniger aufregend, wenn auch von Asher Fisch kapellmeisterlich routiniert und klar schlagend geleitet.
Nach der Pause wurde es erst zum richtigen Konzert: Das Vorspiel zum ersten Aufzug des „Parsifal“ von Richard Wagner kam vom bestens vorbereiteten Festspielorchester kraftvoll bewegt und feintönig webend, mit Sogwirkung und durchaus mit Zug, wobei Asher Fisch besonders die rhythmische Verschiebung und damit Verschleierung durch die vielen Synkopen betonte.
Glänzen konnte das Orchester dann in „La Mer“ von Debussy, das Asher Fisch sehr transparent und nicht impressionistisch verschwimmend gestaltete. Blitzend und glitzernd tummelten sich die Bläser im Wellengewoge im Zusammenspiel mit den präzise ihre Figuren zeichnenden Streichern. Aufschäumend, aufstrahlend und farbenschillernd malte das Orchester das Morgengrauen am Meer, das Spiel der Wellen und den Dialog zwischen Wind und Meer bis zum furios herausgespielten Höhepunkt: Die Orchestermitglieder applaudierten am Ende ihrem Chefdirigenten herzlich: eine künstlerische Herzensgemeinschaft.
RAINER W. JANKA