Bad Aibling – „Im Sommer für ein paar Tage der Zeitgenosse der Rosen sein; ahnen, was um ihre aufgeblühten Seelen schwebt.“ Ein Wort von Rainer Maria Rilke, das als Einstieg in dieses Blumenmeer passen mag, das derzeit in der Galerie Villa Maria zu sehen ist. Wer sich mit den Bildern von Paul Havermann umgibt, ist mehr als nur ein paar Tage Zeitgenosse von Rosen und anderen Blumen, er hat sie dauerhaft um sich. Welch eine Pracht entfaltet sich, welch eine Farbigkeit!
Denn Paul Havermanns Thema sind die Gärten, die im Sommer ihre ganze Schönheit zur Schau stellen. Die gesamte Bildfläche bedeckend, lehnt sich eine Blume an die nächste. Sie lassen sich oft nicht einzeln identifizieren, sondern sind – weit entfernt vom Naturvorbild – nur noch der Farbe verpflichtet. Dennoch erkennt man das Motiv. Mit großer Leuchtkraft ausgestattet, entfalten die Bilder ihre Wirkung um so mehr, als sie mit Öl gemalt sind. Denn Ölfarbe hat die Eigenschaft, langsam zu trocknen und das umgebende Licht einzufangen.
Oft erkennt man in den Bildern Havermanns fast detailgenaue Darstellungen, so zum Beispiel in der welkenden Amaryllis, die in drei Stufen wiedergegeben sind – von der strahlenden roten Blüte bis zum verwelkten, heruntergefallenen Blatt. Ein andermal sagt eine leuchtend gelbe Fläche etwas über das Licht aus, das in das Bild zu strömen scheint. „Gegenlicht“ lautet der Titel.
Eine Installation aus Holzstäben, die senkrecht mit leichter Neigung im Gartenboden verankert sind, weist auf die architektonischen Ambitionen des Malers hin, denn er beschäftigte sich auch mit Kunst am Bau. Die gleichen Stäbe hat er auch bei einigen Bildern hinzugefügt. Rechts und links sind farbig bemalte hölzerne Paneele neben einem Gemälde befestigt, quasi als architektonische Erweiterung des Gemalten. Das große Bild „Tiefes Blau“ im Flur der Galerie zeigt dies eindrucksvoll.
Paul Havermann studierte Kunstgeschichte und Pädagogik an der Ludwig-Maximilians-Universität und Malerei an der Akademie der Bildenden Künste in München. 38 dieser von Farbe bestimmten Bilder hängen an den Wänden der Galerie.
Sie werden begleitet von sieben Objekten der Künstlerin Charlotte Vögele, die ihren Weg zur Kunst über die Beschäftigung mit Naturprodukten fand. Herrscht auf Havermanns Bildern Hochsommer, so geht es bei Vögeles Objekten in den Herbst über. Ihre Materialien findet sie im Wald und auf der Wiese, und es ist verblüffend, was sie daraus herstellt. Komplette Garderoben wie Jacken, Kleider, Schuhe werden zu zauberhaften Gebilden. Mit großer Fantasie und immer neuen Ideen – dazu mit äußerster Genauigkeit – schafft sie für Mais, Bucheckern und Co. ein zweites Leben. Und verlängert damit – genau wie Havermann – das Naturerlebnis. Die Namen sind wissenschaftlichen Ursprungs: Fagus ist die Buchecker, Picea der Fichtenzapfenschuppen, Betula die Birkenrinde.
Charlotte Vögele studierte ab 1980 an der Fachhochschule für Blumenkunst in Weihenstephan.Ute Bößwetter