Ein Blumenmeer lädt zum Erleben ein

Rudolf Sieck: „Fuchsien“, Mischtechnik, um 1930 bis 1940. Foto re

Rudolf Sieck: „Fuchsien“, Mischtechnik, um 1930 bis 1940. Foto re

Eine Ausstellung im Heimatmuseum Prien zeigt weithin unbekannte Arbeiten des Malers und Grafikers Rudolf Sieck

Prien – „Schon wieder eine Ausstellung mit Rudolf Sieck“, so hieß es 2010 bei der Ausstellungsplanung für die Galerie im Alten Rathaus. Die Ausstellung wurde dennoch durchgeführt und es war nicht nur ein großer Besuchererfolg, sondern auch die letzte große Gesamtretrospektive zum Werk des 1877 in Rosenheim geborenen Künstlers.

Man mag kaum glauben, dass das Werk dieses Grafikers und Malers, einem der bedeutendsten der „Künstlerlandschaft Chiemsee“, ja des südostbayerischen Raums, in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vor 14 Jahre letztmalig gezeigt wurde.

Rudolf Sieck hat den Kunstfreunden der Region in der Vergangenheit immer sehr am Herzen gelegen, hat er doch im Inntal, am Samerberg, seit 1913 nahe Prien in Pinswang und seit 1930 in Harras, direkt am Chiemsee, gelebt und gearbeitet. So ist Rudolf Sieck von der Chiemgauer Landschaft und dem Chiemsee nicht mehr wegzudenken.

Bisher völlig unbekannt und unbeachtet war ein Bereich seiner Kunst, der nunmehr in der Ausstellung „Blütenreich“ im Museum Prien präsentiert werden kann. Es ist sozusagen ein künstlerischer Glückstreffer. Betrachtet man das Gesamtwerk des Künstlers, so fällt eigentlich ins Auge, wie häufig sich Sieck mit der Natur und insbesondere mit den Blumen beschäftigt hat. Seit 1906 war Sieck als Entwerfer und Porzellanmaler für die Münchner Porzellanmanufaktur Nymphenburg tätig.

Und ein großer Teil seiner Entwürfe – neben den bekannten Landschaftstellern auf dem Perlrandservice – sind Blumendekore für Vasen, Dosen und Serviceteile, von denen in der Ausstellung auch einige Stücke zu sehen sind.

Auf vielen seiner Gemälde, ob in Öl, als Enkaustik, oder als Tempera und Aquarell, finden sich – zumeist im Vordergrund der Landschaften Blumen der heimischen Pflanzenwelt. Was wir hier finden, ist der „Blumensieck“, der dennoch als Landschafter in die regionale Kunstgeschichte eingegangen ist.

Es ist ein Glücksfall, dass nun mit dem gezeigten Bestand ein bisher nicht beachtetes Teiloeuvre des Künstlers sichtbar gemacht wird, hat doch die Blumenmalerei eine lange Tradition, die schon auf das 15. und 16. Jahrhundert zurückgeht. Man denke nur an die bedeutenden Pflanzenstudien von Albrecht Dürer, die Blumenaquarelle von Georg Flegel aus der Zeit um 1600, oder die berühmten Blumenbilder von Maria Sibylla Merian.

Die Erkundung und Wiedergabe der Natur forderte seit jeher die Neugierde von Botanikern und Künstlern heraus. Herbarien gehörten zum Standardwerkzeug der Kunstschaffenden.

Bei den Blumenstudien Siecks steht aber nicht die Seltenheit der einzelnen Pflanzen und Blumen im Vordergrund, er widmet sich der regionalen Pflanzenwelt immer mit dem Bezug zu seiner Arbeit für Nymphenburg und so sind auch die vielen handschriftlichen Anmerkungen und Buchstaben- und Nummernfolgen auf den Blättern zu sehen, die den einzelnen Arbeiten einen besonderen Charme geben. Vermutlich beziehen sie sich auf diverse Farbmischungen, die für den Porzellanmaler wichtig waren.

Die Priener Ausstellung verlangt genaues Hinschauen und ausführlichen Betrachtung. „Kunst ist da, um sie zu erleben.“ Und gerade die Naturbilder Siecks verlangen nach diesem „Erleben“. Sie verlangen nicht nach Worten, sie verlangen nach dem genauen Betrachten. Etwas was im Dunst der Bilderklärungen, der Kunsterläuterungen und Kunstbeschreibungen heute häufig verloren geht. „Wir hören auf zu sehen, sobald wir hören“, hat schon der französische Schriftsteller und Kunsttheoretiker Denis Diderot im 18. Jahrhundert festgestellt. Bei der lyrischen Kunst Siecks, seinen wunderbaren Studien, die auch zum großen Teil verkäuflich sind, ist dies beinahe eine Verpflichtung. Und die Ausstellung ist nicht nur für alle Kunstfreunde sehenswert, sie ist auch ein Muss für jeden Natur- und Blumenfreund.Karl J. Aß

Bis 10. August

Samstag, 11. Juli 2026
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