Chiemsee – Aus einem unglücklichen Umstand kann manchmal ein Glücksfall werden. Es war überaus unglücklich, dass Simon Höfele seinen Auftritt beim zweiten „Insel-Konzert“ kurzfristig absagte. Der Auftritt des Trompeten-Poeten mit der Pianistin Elisabeth Bauß war mit Spannung erwartet worden. Diese Duo-Kombi aus Trompete und Klavier wäre bei den „Insel-Konzerten“ eine Neuheit gewesen.
Dafür aber konnte man Bauß als Solistin erleben: ein echter Glücksfall. Sie hat kurzerhand ein Solo-Programm zusammengestellt, wie man es sich gewaltiger und herausfordernder kaum denken kann. Im Bibliothekssaal des Alten Schlosses auf der Herreninsel im Chiemsee spannte die vom Klassik-Magazin „Gramophone“ hochgelobte Pianistin aus Hannover einen spannenden Bogen vom Barock bis in die Moderne.
Von Bachs „Capriccio sopra la lontananza del fratello dilettissimo“ BWV 992 ging es über die Klaviersonate Nr. 26 „Les Adieux“ von Beethoven und die „Geister-Variationen“ von Robert Schumann bis hin zur Klaviersonate Nr. 7 von Sergei Prokofjew. Diese Werkauswahl bildete gleichzeitig ein starkes Narrativ. Es ging da um Abschied und Abschiednehmen: von einer Person, von sich selbst, von dieser Welt.
So verabschiedet sich Bach von seinem „geliebten Bruder“ Johann Jakob. Im Jahr 1704 ging dieser nach Schweden, um als Trompeter in der Garde des Schwedenkönigs Karl XII. zu dienen.
Dagegen verabschiedet sich Beethoven mit der Sonate „Les Adieux“ von Rudolf von Österreich. Der Erzherzog, zugleich ein hochbegabter Schüler von Beethoven, musste 1809 wegen des Einmarschs von Napoleon in Wien nach Budapest fliehen und kehrte 1810 nach Wien zurück.
Die „Geister-Variationen“ von Schumann wurden wiederum oft als Ausdruck von dessen Geisteskrankheit gehört. Eine Engel-Erscheinung, vielleicht auch Franz Schubert selber, soll ihm das berückend schöne, schlichte Thema geflüstert haben, wird Schumann in Quellen zitiert. Wenige Tage nach dieser Komposition, Ende Februar 1854, wird sich Schumann in den Rhein stürzen. Er überlebt und wird in eine Psychiatrie eingewiesen. Seine Klaviersonate Nr. 7 hat Prokofjew 1942 komponiert, als Russland von Nazi-Deutschland angegriffen worden war. Mit der Sinfonie Nr. 7 von Dmitri Schostakowitsch steht diese Sonate exemplarisch für den Überlebenskampf Russlands. Der Mittelsatz scheint eine russische Idylle heraufzubeschwören, die verlorenzugehen droht: umrahmt von wüst-markanten, lautstarken, gewaltvollen Ecksätzen.
Für diesen vollgriffigen Barbarismus ist Bauß die perfekte Gestalterin. Mit unerhört kraftvoller, energiegeladener Präsenz stürzte sie sich in die tönende Apokalypse. In den „Geister-Variationen“ Schumanns machte Bauß hingegen die komplexen Rückungen hörbar. Die Stimmführungen erscheinen hier auf vielfältige Weise und im wahrsten Sinn „ver-rückt“. Schumann dringt damit tief in die frühe Moderne vor, was Bauß eindringlich verlebendigte.
In der Beethoven-Sonate mochten manche Ausbrüche in der Dynamik etwas übersteuert wirken, aber: Auch hier erwuchs ein konzises Ganzes, klar und stilgerecht artikuliert das Bach-Capriccio. Großer Beifall im erneut gut besuchten Bibliothekssaal. Als Zugabe spielte Bauß den „Abschied“ aus Schumanns „Waldszenen“. Die neuen „Inselkonzerte“ von Leiterin Mona Asuka sind ein echter Gewinn. Am 10. August stellt sich Spitzen-Geiger Tassilo Probst mit Ron Maxim Huang am Klavier vor.
Marco Frei