Ein atemberaubender „Barbier“

von Redaktion

Dirigentin Chariklia Apostolu bringt in Maxlrain die komische Oper zum Schäumen

Maxlrain/Tuntenhausen – Wenn zwei oder mehr Herren sich um eine Dame bemühen, gab das schon seit jeher Komplikationen, denn in der Materie liegt gewaltiges Konfliktpotenzial. Aber so spielt eben das Leben, und für Komödienschreiber und Opernkomponisten ist es ein gefundenes Fressen – fürs Publikum ebenso! Kein Wunder, dass Gioacchino Rossinis unsterblicher „Barbier von Sevilla“ auf der Opernbühne von Maxlrain fröhlichste Urständ feiern konnte und alle Darsteller, Orchester, Regie und die bescheiden-souveräne Dirigentin Chariklia Apostolu mit jubelndem Beifall überschüttet wurden.

Musikalischer
und optischer Wirbel

Bei Rossini jagen sich Melodien und Klangeffekte; sie steigern sich oft genug zu orgiastischem Wirbel. Regisseur Andreas Wiedermann gelang es, diesen Wirbel auch optisch umzusetzen. Etwa wenn Figaro stöhnt, er sei zwar das „Faktotum der schönen Welt“, aber so erfolgreich im Geschäft, dass die Kunden seine Bude geradezu einrennen. Und schon stürmt der quirlige Chor auf die Bühne und jede der Schönen möchte sofort von Figaro aufgehübscht werden.

Figaro erschien im karierten Anzug als cleverer Geschäftsmann, der die menschliche Seele aus dem Effeff kennt. Máté Herczeg strahlte stimmlich und schauspielerisch den sympathisch-unwiderstehlichen Tausendsassa aus – eine Idealbesetzung!

Das war auch nötig, um den in seiner Verliebtheit zu wenig zielorientierten jungen Grafen Almaviva zum ersehnten Happy End zu führen. Oscar Rubén Oré Alarcón mit schlanker, präzis geführter Stimme war mehr romantischer Träumer als zupackender Macho. Tja, das Objekt seiner Begierde, die junge und schöne Rosina, darbte unter der Fuchtel ihres Vormundes Dr. Bartolo. Sveva Pia Laterza bezauberte durch den reichen Ausdruck ihres Gesangs: Wie sie schmachtend ihre Koloraturen hinhauchte, das war hinreißend! Dr. Bartolo trat hier nicht wie oft als alter Trottel auf, er war einfach nur ein angejahrter Jüngling, dem die dicke Hornbrille das Aussehen eines patriarchalischen Wüterichs verlieh. Matthias Bein wusste mit grollendem Bass und polterndem Gebaren seinen Widersachern durchaus Respekt einzuflößen.

Ihm zur Seite stand zunächst Don Basilio, ein „Maestro da Musica“, aber ein sinistrer Typ mit Sinn für Kleinkriminalität. Christian Tschelebiew zeigte mit machtvoller Stimme eine beeindruckende Bühnenpräsenz. Seine Arie von der Verleumdung lehrt uns das Gruseln, denn derlei Praktiken (Fake News sagt man da aktuell) sind ja heutzutage allgemein en vogue.

Eine Nebenrolle, die von der Regie ins Zentrum des Geschehens gerückt wurde, spielt das Zimmermädchen von Dr. Bartolo: Christa Ratzenböck wuselte mit dem Wedel Staub aufwirbelnd durchs Haus, bis sie gegen Ende sängerisch aktiv werden durfte – mit der Klage, auch sie leide an der Liebe.

Das Bühnenbild: Im Vordergrund der Salon von Figaro, mit allen dazugehörigen Utensilien; den Blick auf die Straße und die pittoresken Häuschen erhält man durch eine gedachte Glaswand. In der Mitte hängt das Firmen-Logo in großer geschwungener Schrift: „Figaro“ – spiegelverkehrt; ein optischer Reiz, der dem Publikum in Erinnerung bleibt.

Orchester kostet
alle Nuancen aus

Ein Opernorchester agiert meist unsichtbar im Graben: aus den Augen, aus dem Sinn? In Maxlrain sitzen sich beide „Parteien“ in Augenhöhe gegenüber und zumindest in den vorderen Reihen ist die gespannte Motivation der Musiker förmlich zu spüren. Alle Nuancen wurden ausgekostet und die fein ziselierten witzig-virtuosen Passagen der Streicher trafen ins Schwarze.

Das Orchester brachte zudem auch die emotionale Seite von Rossinis Musik mit präzisem Schmelz zum Blühen. Streicher, die akkuraten Bläser und die Pauken zogen an einem Strang. Die Oper als ein Gesamtkunstwerk: In Maxlrain wurde es Ereignis und zum atemberaubend-kurzweiligen Premieren-Erlebnis.

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