Grusel Bis(s) zum Morgengrauen

von Redaktion

Nachwuchstalente der Akademie Immling ziehen alle Register guten Musiktheaters

Halfing/Immling – Kruzifix, Knoblauch, Bibel und für den schlimmsten Fall auch den Eichenholzpflock parat? Wer gut gerüstet war, hatte nichts zu befürchten, auch wenn beim Immling-Festival Graf Dracula höchstpersönlich angekündigt war. Und bei hereinbrechender Dunkelheit im Festspielhaus kündigte sich der Blutrünstige und seine Brut auch schon an: Gruselig, wie da zu den ersten Takten von Frank Wildhorns Musik fledermausartige Kreaturen aus dem Orchestergraben auf die Bühne krochen und sich zwei Ratten um ein Skelett stritten. Schaurig schön.

Und der Wind pfiff ums Festspielhaus

Wie bestellt pfiff just zur Premiere vom Musical „Dracula“ ein stürmischer Wind ums Festspielhaus. Da hätte der Text von Anwalt Harker (Benedikt Schiller), der zur Abwicklung eines Immobilienverkaufs nach Transsilvanien gereist war, kaum besser passen können: „Vom Wind allein kommt diese Kälte nicht!“ Das befürchteten auch die zahlreichen Kinder im Publikum, die lieber mal die Köpfe einzogen, als sich die Bühne mit tanzenden Vampirgirls, Ratten und Geistern der Nacht füllte.

So ein Vampirbiss kann entsetzliche Folgen haben – tanzen diese Kreaturen auch noch so verführerisch schön (Choreografie Judith Seibert). Und das taten sie wirklich. In tänzerischem Dirigat war über den jungen Orchestermusikern der Akademie Immling der erst 24-jährige Konstantin Schiller zu sehen, wie er fein akzentuierend Einsätze gab – ganz große Klasse. Das hörgenussvolle Ergebnis lieferte dank klangfarbenreichem Instrumentarium – von E-Gitarre, Saxofon über Schlagwerkeinsätze – den zum Gruselwerk passenden Sound. Da wurde offenbar detailliert gearbeitet: Nicht zu fassen, dass dieses junge Ensemble noch keine Profi-Musicalausbildung genossen hat. Die Gesangseinsätze der Nachwuchstalente (Gesangliche Leitung: Lukas Gahabka), ob Chor, Soli oder Duette, ließen aufhorchen, auch die Figurenentwicklung innerhalb des Musicalplots war bemerkenswert.

Da mutierte die „unschuldige“ Mina, das Hauptobjekt Graf Draculas (Mischa Kosatkin) Begierde, zur „willigen“ Vampirbraut, die sich dem sich nach ihr verzehrenden Grafen im besten Wortsinn bis zum finalen Biss an den Hals warf. Dass sich ihre Freunde und (noch) Verlobter Harker zur Errettung ihrer Seele gegen das Böse mit diversen Vampirbekämpfungs-Maßnahmen ordentlich ins Zeug legten, half ebenso wenig wie die Vampir-Expertise von Professor Van Helsing (Jakob Zweckstetter). Seine Hypnose war vergeblich: Wahre Liebe überwindet eben alle Grenzen und macht Undenkbares möglich, so die Botschaft am überraschenden Ende. Manchmal ist, wie es sich herausstellte, das Böse doch nicht ganz so böse. So machte der Musical-Ritt durchs schaurige Dunkel mit Kontrollverlust durch erotische Anziehung, Überwindung des Totseins durch Verwandlung zu untoten Wesen und die Faszination für das angstauslösende Unbekannte die Publikumsaugen groß. Witzige Einlagen, etwa ein Heiratskandidatenwettstreit für Minas Freundin Lucy, erweiterte den Gruselfaktor um reichlich Lachfutter. Das junge Publikum hatte längst Blut geleckt. Und, ganz ehrlich, dieser Graf mit charmantem Akzent und betörendem Vibrato in seiner großartigen Singstimme, haut wahrlich jede(n) um. So auch seine beiden schönen Vampir-Ladys Lucy (Maggie Kersten) und Mina (Jessica Schäfer) – stimmlich, wie im körperlichen Ausdruck.

Die bekannte Story um den blutsaugenden Grafen und sein ebenso blutrünstiges Gefolge gibt viel Theatralik her und offensichtlich für die Jugend kräftige Motivationsschübe: Eine grandiose Inszenierung von Verena von Kerssenbrock, die einmal mehr mit spürbarer Liebe zum Genre und zu „ihren“ Nachwuchstalenten, herauszuarbeiten wusste, was großes Musiktheater ausmacht.

Zum Fürchten
schöne Effekte

Prämierungsreife Gruselästhetik mit flattrigen Gewändern, Spitzenstoff und zum Fürchten schönen Rattenköpfen steuerte auch Kostümbildnerin Lilli Hartmann bei. Und nach dem Prinzip weniger ist mehr gefiel auch das Bühnenbild (Verena von Kerssenbrock) mit Baumleichen und Särgen sowie die Licht- und Projektionstechnik. Nicht zuletzt begeisterte aber die mit Spielwut infizierte Jugend, die alle Musicalregister zog. Das wirkt nach – Bis(s) zum Morgengrauen.

Termine

Artikel 2 von 7