Emotionale Achterbahnfahrt auf dem Ohrensessel

von Redaktion

Szenische Lesung aus „Holzfällen“ von Thomas Bernhard mit Musik von „Franui“ bei Tiroler Festspielen

Erl – Thomas Bernhard, dessen Werke zu Lebzeiten oft einen Skandal ausgelöst haben, ist heute ein moderner Klassiker. Bernhards humoristische Übertreibungskunst und die Musikalität seiner Sprache bedeuten für den Leser einen großen Genuss.

In „Holzfällen. Eine Erregung“ kommentiert der Ich-Erzähler auf einem Ohrensessel sitzend, ein künstlerisches Abendessen, zu dem er eingeladen wurde. Die „Musicbanda Franui“ präsentierte im Festspielhaus Erl ihre jüngste Produktion „Holzfällen“ nach Thomas Bernhards Vorlage. Die Lesung aus Bernhards Werk übernahm Nicholas Ofczarek.

Das Ehepaar Auersberger veranstaltet ein „künstlerisches Abendessen“ und lädt dazu Freunde und Bekannte, darunter einen Burgschauspieler, ein. Der Erzähler, ein Schriftsteller, sitzt auf dem Ohrensessel und beobachtet die Gesellschaft, die auf den Schauspieler des Burgtheaters wartet. Während seiner Beobachtungen beschwört er die Erinnerung an die Künstlerin Joana, und wird dabei mit den Menschen konfrontiert, mit denen er in den 50er-Jahren Umgang hatte. Der Burgschauspieler lässt auf sich warten, die Gesellschaft wird zunehmend betrunkener.

In einem grandiosen Monolog reflektiert der Ich-Erzähler seine ihm immer nichtiger erscheinenden Beweggründe, überhaupt der Einladung gefolgt zu sein, und merkt, dass er für die Personen dieser Gesellschaft nichts als Ekel empfindet. Unerbittlich und schonungslos wetterte er gegen Mittelmaß und Dilettantismus. Die Langeweile wandelt sich mit zunehmender Stunde in eine immer stärkere Erregung um, die schließlich zum abrupten Aufbruch führt.

Nicholas Ofczarek gelang es witzig und überzeugend, die Gefühlsausbrüche und Schimpftiraden des Ich-Erzählers auf die Bühne zu bringen. Die Rolle des Burgschauspielers sprach er mit selbstgefälliger Überheblichkeit, die der Jeannie Billroth mit dümmlicher Impertinenz. Mal leise säuselnd, mal laut und aufgebracht, nahm Ofczarek das Publikum mit auf eine vergnügliche emotionale Achterbahnfahrt.

Musikalisch umrahmt wurde die Lesung von „Franui“ mit eigenen Kompositionen und skurril verfremdeten, oft trauermarschähnlichen Musikstücken von Robert Schumann über Béla Bartók bis hin zu Franz Lehár. Gelegentlich wirkte die Unterbrechung von Ofczareks Monolog durch die schräge Hintergrundmusik gewöhnungsbedürftig, da die absatzlose Erzähltechnik Bernhards und die Musikalität seiner Sprache eigentlich keine häufige Unterbrechung duldet.

Das Publikum im restlos ausverkauften Festspielhaus spendete für das zweieinhalbstündige musikalisch-literarische Gesamtkunstwerk minutenlangen und begeisterten Applaus. Georg Füchtner

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