Traunstein – „Für mich als Komponist ist das bereichernd“, sagte Patrick Pföß über die Herausforderung, sich mit einer Komposition dem Thema einer jurierten Jahresausstellung des Kunstvereins Traunstein zu stellen. Inmitten von modernen Kunstwerken rund um das Thema „Was ist eine Stadt?“ wurden unter dem Motto „Pulse“ ein Sextett von Patrick Pföß sowie Werke von Peter Michael Hamel und Tilmann Kremser uraufgeführt. Bei dem unkonventionellen Konzert in der Klosterkirche waren alle drei Komponisten anwesend.
Mit dem Stück „Serenidad“ in der eigens für diesen Anlass komponierten Quintettfassung für Klarinette, Violine, Fagott, Kontrabass und Harfe von Peter Michael Hamel aus Auschau begann der Abend. Melodiöse, behäbige, in sich ruhende Teile wechselten ab mit bewegteren Teilen und einem Durcheinander der Stimmen, die dennoch eine gewisse Ordnung ausstrahlten. Für Hamel bedeutet Serenidad nicht nur Gelassenheit, sondern auch Geistesgegenwart und die Fähigkeit, den in der Einsamkeit erarbeiteten inneren Frieden auch in Situationen des Überfordert-Seins, etwa durch das Getümmel einer Stadt, aufrecht zu erhalten.
Die skurrilen „Watts Towers“ in Los Angeles, die der italienische Einwanderer Sabato „Simon“ Rioda von 1921 bis 1954 in mühevoller Kleinarbeit aus Schrott, Müll und Beton errichtet hat, ließ Schlagzeuger Anno Kesting auf acht Trommeln höchst virtuos lebendig werden. In dem zerrissenen Puls des Stücks von Charles Boone aus San Fransisco (geboren 1939) konnte man kräftige Schläge, „Fieselarbeit“, die hohe Trommeln darstellten, aber auch Ungeduld, Impulsivität und Zorn heraushören. Ein spannender Kontrast dazu war die Uraufführung von „Des nachts“ von Tilmann Kremser (geboren 1974), der in Hamburg und Chieming lebt. Höchst konzentriert interpretierten Anita Unterthiner an der Klarinette, Constanze Germann-Bauer an der Violine und Alejandro Vila am Fagott diese Klangstudie, die vor allem aus Stille und Pausen bestand. Zwischen den vereinzelten, meist solistisch gespielten Klängen und Intervallen entstand eine große Spannung und eine meditative Atmosphäre.
Einen leichteren Zugang bot das Stück „Café“ von Astor Piazzolla. Die temperamentvolle Geigerin, Kontrabassistin Christiane Haselbeck mit tollem Strich und die Harfenistin verliehen dieser musikalischen Impression viel Leidenschaft, Farbigkeit und etwas Tänzerisches. Für den Höhepunkt des Abends, das Sextett von Pföß, musste die Harfenistin erst mal umstimmen, denn Pföß hat das Werk „spektralharmonisch“ komponiert: Er arbeitet mit den Grundtönen und den in der Naturtonreihe enthaltenen Obertönen. Inspiriert ist es von den elf Jahren Stadt-Erfahrung von Pföß in Hamburg, die ihn letztlich am Ende vor den Menschenmassen wieder fliehen ließ.
Das Stück begann mit einer Geräuschkulisse, die an das gleichmäßige Rauschen des Verkehrs auf einer Schnellstraße erinnerte. Plötzlich wurde diese unruhiger, es entstand wildes Durcheinander, die Instrumentalisten nutzten diverse Techniken, wie die Bassistin das raue Anreißen der Saite, um die Szenerie noch eindringlicher zu schildern. Schrille Klarinettenklänge erinnerten an Hupen. Dazwischen wurde er ruhiger, eine poetische Klarinettenmelodie erklang. Fagott, Harfe und Bass kreierten ein geheimnisvolles Pulsieren. Dazu gesellten sich zackige Weisen von Klarinette und Geige.
Auf einmal wurde es still, Germann-Bauer setzte ein feines Flageolett hin und Kesting ließ das Schlagzeug raunen. Langer Applaus des Publikums war Ensemble und Komponisten gewiss. Veronika Mergenthal