Chiemsee – 300 Jahre Vivaldis „Die vier Jahreszeiten“ – dies feierte das Barockmusik-Ensemble Concerto Köln bei den Herrenchiemsee-Festspielen mit einem Programm, das die Zeit an der Schwelle zwischen Spätbarock und Klassik hochleben ließ. Zur Eröffnung gab es Antonio Vivaldis Concerto für Streicher und Basso Continuo RV 156 g-Moll. Ein virtuoses, kraftvolles Stück, bei dem die Barockvirtuosen aus Köln elegant, agil und transparent ihre Vorzüglichkeit präsentierten.
Ein Wimpernschlag von Evgeny Sviridov an der ersten Geige genügte. Das Concerto op 2/1 d-Moll aus Concerto à Quattro da chiesa von Evaristo Felice dall‘ Abaco gelang nicht minder beglückend: Da war das herrlich ausgekostete Largo des ersten Satzes, das vor Spannung barst, und da war das finale allegro assai, bei dem sich tänzerisch-keck die Laute mit den Streichern und der Basso-Continuo-Gruppe in ein überschäumendes presto warf.
Mit Charles Avison hatten die Kölner einen englischen Komponisten mit im Gepäck, dessen Liebe zur italienischen Musik mit dem viersätzigen Concerto Nr. 6 D-Dur nach Cembalosonaten von Domenico Scarlatti deutlich wurde. Das Largo sorgte für Gänsehaut, das „con furia“ machte seinem Namen alle Ehre – der spontane Szeneapplaus zeugte davon –, das Adagio war zum Dahinschmelzen und das vivacemente war barocke Eleganz, gepaart mit kantablem dolce und energiegeladenem allegro.
Schon vor der Pause hatte das Concerto Köln mit seiner Interpretation des Frühlings und des Sommers von Vivaldis „Jahreszeiten“ aufhorchen lassen. Das Streichorchester ließ das Publikum im „Frühling“ geradezu trunken werden: hier scheinbar verschobene Akzente in der Melodik, dort ein Pulsieren der Musik, da solistisch zugespitztes Vogelgezwitscher, da das Hundegebell der Bratschen.
Den „Sommer“ kündete die aufregende Violinkadenz im ersten Satz an, Solist Shunske Sato malte: Man sah die Hitze förmlich flimmern. Beim Gewitter ließ Concerto Köln den Spiegelsaal mit präzise gesetzten Crescendi erbeben.
Den zweiten Teil der Jahreszeiten gab es zum Finale. Zuvor war noch Vivaldis große Trauer-Sinfonia „Al Santo Sepolcro“ RV 169 in h-Moll erklungen: Ein düsteres Adagio mit dissonanten Akkorden gefolgt von einem fungierten Allegro, ganz anders als die gewohnte, extrovertierte Manier der Konzerte Vivaldis. Was für eine Tiefenwirkung.
Doch dann – Schwenk: Der „Herbst“ aus den „Vier Jahreszeiten“ hielt Einzug. Fröhliche Tanzszenen und rauschende Feste wechselten sich ab mit Bildern mit von der Ernte erschöpften Bauern, da sah man die Jäger das Wild jagen und dazwischen herbstlich verfärbte Blätter zu Boden fallen. Mit höchst geräuschhaftem Stegspiel der Violinen und den eiskalt klirrenden Akkorden des Cembalisten läuteten die Musiker schließlich den Winter ein: regentropfengleich das pizzicato der Streicher, umspielt vom Largo-Gesang der Solo-Violine.
300 Jahre die „Vier Jahreszeiten“, eine lange Zeit, um das Werk neu zu interpretieren, neu zu bereichern. Nicht jede Verzierung des Solisten, nicht jedes Tempo war der klassikverwöhnte Hörer gewohnt, doch nach Meinung der Rezensentin spürte das Concerto Köln dem Komponisten kongenial nach. Jede Note – einschließlich der Continuofarben – vermittelte ausdrucksstark und beweglich das dramatische Programm dieser barocken Musik.
Leidenschaft und Detailfreude paarten sich mit Präzision, Transparenz und bewegender Dynamik. Da mussten zwei Zugaben her. Concerto steht für harmonischen Wettstreit, concertare für das Zusammenwirken, das in Übereinstimmung bringen. Das Concerto Köln versteht es meisterhaft, diese beiden Begriffe zu vereinen. Elisabeth Kirchner