Neue Musik auf Grassaus grünem Hügel

von Redaktion

Jugendensemble für Neue Musik Bayern wagt sich mit Erfolg an moderne Kompositionen

Grassau – Auf dem Programm des Konzerts in der Villa Sawallisch stand: „Schulterblicke – Neue Musik. Ist sie dechiffrierbar, verstehbar oder eben noch nicht?“ Die Antwort gaben die elf Mitglieder des Jugendensembles für Neue Musik Bayern (JU(MB)LE) im Alter von 16 bis 27 Jahren unter der Leitung von Johannes X. Schachtner – und das mit sicht- und hörbarer Freude an der neuen Sprache.

Pierre Boulez hat sein Oeuvre Derivé I („Nebenprodukt“) selbst folgendermaßen erklärt: „Sechs Akkorde bilden eine kreisförmige Rotation, welche die Struktur des Stückes darstellt, diese aber auch gleichzeitig aufweicht.“ Ungemein kristallin-klar nahmen die sechs jungen Musiker an Klavier, Flöte, Klarinette, Vibrafon, Violine und Violoncello die fragilen, expressionistischen Tonkonstellationen. Großartig, wie das Ensemble später dem Publikum zum „Blick auf Kolchis“ von Wolfgang Rihm (1952 bis 2024) einlud: Zarte Töne wechselten sich mit wuchtigen, brutalen Schlägen ab. Da sah man förmlich eine aride Landschaft vor sich, war gemeinsam mit den Argonauten auf der Suche nach dem goldenen Vlies.

Ulrich Kreppeins (geb. 1979) Abendlied für Flöte, Klavier, und Streichtrio sorgte für Ruhe, aber auch für Beklemmung. Rhythmisch verzerrt, entfalteten sich farblich ausgeleuchtete Harmonien, durch die Fragmente von Claude Debussys „Clair de lune“ zu geistern schienen. Der Miniatur-Zyklus „The Celestial Order of Chinese Animals“, den Markus Schmitt (Jahrgang 1965) eigens für das Jubiläumsprogramm komponierte – das Ensemble gründete sich vor zehn Jahren –, erfuhr in Grassau seine Uraufführung. Allein schon die Noten waren schwer zu dechiffrieren, eher Fahnen, Kurven, Bögen und Linien als klar definierte Notenzeilen, auch die Vielzahl an Instrumenten war verblüffend. Neben den klassischen Instrumenten kamen allerlei Orff-Instrumente, Vogelwasserpfeifen und Faschingströten zum Einsatz. Und doch war es ein klanglich spannendes und eindrückliches Werk: Da war der Phönix, da der Drache, die Nixen lockten mit Melodien wie aus einer Unterwasserwelt und die Fliegen waren leicht anhand ihres Brummens und Surrens zu erkennen. Das große Finale mit verschiedensten „nicht“ klassischen Instrumenten und Fingerplopp sorgte für Schmunzeln bei den Mitwirkenden und den Zuhörern – was für eine Energie und Wucht.

Ganz anders, beinahe berührend, bot das Ensemble zum Abschluss das „The Beauty of Decay“ der jungen britischen Komponistin Grace-Evangeline Mason (Jahrgang 1994), das eine gleichnamige Ausstellung von Rebecca Louise Law aus dem Jahr 2016 vertont hat: 8000 hängende Blumen, die nach und nach verwelken und verfallen. Ein ästhetischer Bogen spannte sich auf, eine Melodie, die nach und nach von den einzelnen Instrumenten aufgegriffen wurde, während die anderen Mitspieler für einen warmen Klangteppich sorgten. Chapeau für das junge Ensemble, das so hingebungsvoll neue Musik musizierte und Seele, Auge und Ohr öffnete.

Elisabeth Kirchner

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