Chiemsee/Herrenchiemsee – „Lieben Sie Brahms?“ Eine Frage, die sich erübrigte, einige Zuhörer waren gar versucht, ein Ja sofort auszusprechen (was sich im zaghaften Applaus nach dem ersten Satz andeutete). Denn Kent Nagano und das Orchester der Klangverwaltung nahmen das Publikum im voll ausverkauften Spiegelsaal mit auf eine atemraubende, beglückende Reise in die Welt der Romantik. Eindrücklich gelang dem Orchester der Klangverwaltung die Hebriden-Ouvertüre, op. 26, von Mendelssohn Bartholdy. Konkrete Bilder, Stimmungen und Form verschmolzen da zu einem kompakten Ganzen. Das Hauptthema in h-Moll, der musikalische Wellengang, anfangs von Bratschen, Celli und Fagotti vorgetragen, dann orchestral toll in Szene gesetzt das aufsteigende Seitenthema in D-Dur, später das tranquillo assai mit leiser Streicherbegleitung und Solo-Klarinette. Das war eine klangliche Offenbarung, ein atmosphärisches Porträt von Wasser, Meer und Wind.
Mit Mendelssohn Bartholdys Konzert für Klavier (großartig hier die Pianistin Mari Kodama) und Orchester Nr. 1, in g-Moll, op. 25, trat das Publikum dann ein in die Welt der Lyrik. Was für eine Spannungsfülle im Zusammenspiel von Soloinstrument und Orchester. Die Virtuosität des Soloparts brachte Mari Kodama nie vordergründig, sondern stets im vollen Bewusstsein der strukturellen Raffinesse der Musik zur Geltung. Lyrisch in den Kadenzen. Fabelhaft alternierend mit den Orchestersoli. Gänsehaut, als Mari Kodama mit kultiviertem Anschlag das „Andante“ zelebrierte und den Tönen, die nach oben schwebten, nachblickte. Umso energischer, forscher, aber auch mit viel Tiefengefühl ging es dann im Finalsatz mit „presto“ zur Sache. Stets im fulminanten Zusammenspiel mit dem Orchester, das hier agil und aufbrausend agierte. Ein temperamentvoller Zugriff, ein plastisches Klangbild, spannungsvolle Übergänge – ein packendes Plädoyer für Mendelssohn Bartholdy.
Dem eines für Ludwig van Beethoven folgte. Als Zugabe gab es nämlich die „Bagatelle a-Moll, WoO 59,“ besser bekannt als „Für Elise“. Wohl selten wurde dieses wohlgefällige Stück derart anmutig perlend und überragend interpretiert.
Nach der Pause wechselte das Programm zu Brahms. In dessen zweiter Symphonie, D-Dur, op 73, vereinen sich Melancholie, Pathos, positive Grundstimmung und pastorale Fröhlichkeit – Romantik par excellence. Kent Nagano modellierte mehr mit wenigen Gesten und offenen Händen als dass er den Takt schlug. Und gab so der Musik Raum, um ihren ganzen Reichtum zu entfalten: die herrlichen Themen, die dichte Polyphonie, aber auch den harmonischen Farbreichtum. Kontrollierte Ausdrucksgewalten versus duftend leichte Klänge, da vermeinte man das Wogen des Wassers im sanft wiegenden Rhythmus des Kopfsatzes im einleitenden „allegro non troppo“ zu hören und dort ging ein brausendes, triumphales Feuerwerk im finalen Satz hernieder. Chapeau den großartigen Einlagen der Bläsersolisten. Wunderbar, wie das Orchester das neckische, tänzerische Scherzando im „Allegretto grazioso“ umsetzte. Mitreißend, mit wie viel Energie und Schwung das Orchester das finale „allegro con spirito“ nahm. Was für ein Mit- und Gegeneinander von Stimmen und Stimmungen. Unaufgeregt kultiviert, mit unerbittlicher Spannkraft, Präzision und Prägnanz. Lieben Sie Brahms? Der heftige Beifall war Antwort genug. Elisabeth Kirchner