Herrenchiemsee – Mit emotionaler Tiefe, Intensität, Ausdrucksstärke und Virtuosität verzauberten der Geiger Tassilo Probst und der Pianist Ron Maxim Huang ihre Zuhörer in der ausverkauften Bibliothek im alten Schloss auf Herrenchiemsee. Es war ein hochromantisches Inselkonzert, was sich schon mit den ersten Klängen der Violinsonate in A-Dur von César Franck offenbarte.
Anmutig gestalteten die beiden das Allegretto moderato, leidenschaftlich und „con fuoco“ das allegro und träumerisch das recitativo. Geradezu drängend schwelgte da die Violine über das klangsatte Material, während der Pianist mit sachten dynamischen Abstufungen den Teppich für die sich allmählich zu mehr Fülle steigernden Fantasie ausrollte. Dass Tassilo Probst eine Saite zu Beginn des finalen Satzes riss, überbrückte Ron Maxim Huang rasant und doch spielerisch wirkend mit der „Konzertparaphrase über Johann Strauß’sche Walzermotive aus ‚Die Fledermaus‘, op. 56“ von Alfred Grünberg. Ob bewusst oder unbewusst – was für ein Cut zur hochromantischen Frack-Sonate, deren Finalsatz, das kanonartige Allegretto poco mosso, die beiden souverän, strahlend, bewegt, inniglich darboten.
Und weiter drehte sich das Gefühlsrad: Bei der virtuosen „Fantaisie sur La Traviata“ von Jean-Delphin Alard, basierend auf Motiven aus Giuseppe Verdis Oper „La Traviata,“ übernahm die Violine quasi die Hauptrolle. Probst hatte zuvor kurz die tragische Geschichte der Violetta Valéry, inspiriert von der realen Marie Duplessis, der berühmtesten Kurtisane des 19. Jahrhunderts, angedeutet. Die Intensität, mit der die beiden Musiker deren tragisches Schicksal besangen und gleichzeitig die Doppelmoral der Gesellschaft anprangerten, war zum Niederknien.
Höhepunkt des nachmittäglichen Konzerts war die Violinsonate Nr. 9 A-Dur von Ludwig van Beethoven. Ursprünglich Sonata mulattica (für Beethovens Freund George Polgreen Bridgetower) überschrieben, benannte sie Beethoven später in Kreutzer-Sonate (für den französischen Geiger Rodolphe Kreutzer) um, nachdem sich Beethoven und Bridgetower im Streit um eine Dame entzweit hatten. Also schon im wahren Leben ein Gefühlskarussell, das sich um so mehr in Beethovens Schaffenskraft offenbarte.
Die beiden Musiker ließen in ihrem Spiel explosive Kraft aufleuchten, die sich vom berückend dargebotenen adagio sostenuto zum überschäumenden presto steigerte. Beim andante variazoni gingen Geige und Klavier richtiggehend in der Interpretation auf. Das finale presto war Pathos pur. Ein transparentes Zusammenspiel, das ineinandergriff, das miteinander atmete. Selbstverständlich und locker, ganz ohne Druck und ohne jede Übertreibung, vor allem bei den kniffligen Passagen.
Die Farbgebung, die sprechende Phrasierung und die Agogik der Geige ließen staunen. Nicht minder beeindruckend, mit wie viel Emotion, kraftvollem Anschlag, aber zugleich großer Anschlagskultur der Flügel mit der Geige in einen Dialog trat.
Dem nicht enden wollenden Applaus ließen die beiden Künstler als Zugabe das „Salut d‘ Amour“ von Edward Elgar folgen – gefühlvoll, inniglich, frei von Kitsch. Ein Kaleidoskop der Gefühle. Ein wohltuendes Programm. Dank an Mona Asuka, die die beiden noch nicht einmal Mitte 20 Jahre alten Künstler für ihre Konzertreihe hatte gewinnen können. Elisabeth Kirchner