Halfing – Das Gute am Abschiednehmen ist die Freude auf das Wiedersehen. Den Künstlern und Mitarbeitern des Immling-Festival scheint nach sechs Wochen Opern- und Konzertveranstaltungen noch immer nicht die Puste ausgegangen zu sein. Das zu erleben war im ausverkauften Finale Grande – der letzten klangfarbenprächtigen Leuchtrakete, die im Festspielhaus gezündet wurde: Da holten alle miteinander – das Immling-Orchester, der große Opernchor und viele Solisten – noch ein letztes Mal tief Luft, um für das werte Publikum ihr Innerstes nach außen zu kehren.
Sieben Dirigenten gaben den Takt an
Schon traditionsgemäß teilte sich dabei die musikalische Leiterin Cornelia von Kerssenbrock das Pult mit anderen Dirigenten: Insgesamt sieben Dirigenten gaben den Takt an und kitzelten aus den die gesamte Bühne füllenden Musikerinnen und Musikern die letzten Fünkchen Sanges- und Musizierfreude heraus. Die Operngäste schwelgten dahin, wippten zu Arien oder Chorwerken von Verdi über Donizetti bis Gershwin mit – und konnten es kaum fassen, dass sich offenbar Werk um Werk das Energieniveau hochschraubte.
So passte eines der ersten Werke, „Freunde, das Leben ist lebenswert“ aus Operettenkönig Franz Lehárs „Giuditta“, das Tenor Ragaa Eldin schmetterte, als gäbe es kein Morgen. Operettenseligkeit versprühte auch Sopranistin Aiste Pibla mit „Art is calling for me“ aus Victor Herberts „The Enchantress“. Dann klopfte Meister Verdi kräftig an und bot dem glanzvoll aufeinander eingestimmten Chor die Chance, sein Können zu zeigen: „Tace il Vento“ (Dirigat: Misha Edisherashvili) aus der Oper „I due Foscari“ und „Che mai Vegg’io“ aus „Ernani“ mit Solist Levan Makaridze klangen prächtig. Als heimlicher Star der Spielzeit riss Sopranistin Yunuet Laguna mit „La Mamma morta“ (Umberto Giordano) mit, schlich sich im zarten Pianissimo emotionsreich in die Arie, brachte im Gesang den Schmerz über den Tod der Mutter zum Ausdruck und ließ für einen Moment die Zeit stillstehen – bravo! Georges Bizets „Les Pêcheurs de Perles“ brachte Dramatik in den Abend: „Au Fond du Temple saint“, ein bewegender musikalischer Dialog zwischen den beiden Hauptfiguren Nadir (Zhi Fang) und Zurga (Anton Keremidtchiev) – zum Niederknien schön. Auch der libanesische Tenor Joseph Dahdah überzeugte mit stimmlicher Brillanz in „E lucevan le stelle“ aus Puccinis „Tosca“ und ist längst zum Immlinger Publikumsliebling avanciert, wobei seine Stärke eindeutig im Opernfach liegt – in Bernsteins Arie „Maria“, dem hymnischen Lob auf den Namen des Mädchens, in das er sich als Tony verliebte („West Side Story“), hätte man sich mehr Weichheit und diese berühmten Schmetterlinge im Bauch zu spüren gewünscht. Ein wenig glaubhafter gelang dies im Duett „Tonight“ mit Aiste Pibla, eine echte Musical-Schmachtnummer. Mehr Musical bot das Immling-Festival mit „The Wizard of Oz“ (Harold Arlen): Mit „Somewhere over the Rainbow“ entfesselte Mezzosopranistin Inés López Fernández sehnsuchtsvolle Weltflucht und weckte Hoffnung auf Frieden und Freiheit – ein musikalischer Dauerbrenner, der gerade dieser Tage mit seiner Aussage ins Schwarze trifft.
Jubelstürme
im Publikum
Wieso nicht ein segensreiches Begrüßungslied zum Abschied? Das Chorstück „Dumela“ geht immer in Immling, weil das namibische Lied nur so vor Lebensfreude strotzt – und irgendwie diese vielen Nationalitäten an Musikern, die während des Festivals so friedlich und freundlich miteinander zusammenwirken, eint. Jedenfalls schaffte es Elson Hindundu in seinem Dirigat zum wiederholten Mal, den Chor und sein Publikum zu Jubelstürmen hinzureißen. Und weil es gar so schön war, setzten die Sänger mit einer Wiederholungsschleife noch eine Extraportion Glück frei – ein Vorschuss, der bis zur nächsten Spielzeit, der 30. des Immling-Festivals, reichen sollte.
Erst nach drei weiteren Zugaben bewegten sich die Gäste langsam Richtung Shuttlebus. Ein gelungenes Finale mit allen Ingredienzen, die das Opernherz zum Glühen bringt.