Seeon – Wer beim Titel „Wenn Männer von der Liebe träumen“ an einen Kabarett-Abend denkt: weit gefehlt. Der Abend im Festsaal des Klosters Seeon war ein Streifzug durch die Welt der Literatur und der Musik aus verschiedensten Jahrhunderten. Textlich vorzüglich ausgedeutet und interpretiert von Clemens M. Prokop, Musikwissenschaftler, Autor und Musikproduzent, und musikalisch außerordentlich beeindruckend gestaltet und umrahmt von Penta Vocalis, fünf jungen Sängern der Regensburger Domspatzen, und der Akkordeonspielerin Manuela Bankl aus Truchtlaching. Anspruchsvoll, das ja, aber auch derart ansprechend, dass man immer wieder die berühmt-berüchtigte Stecknadel aufs Parkett des Festsaals von Kloster Seeon hätte fallen hören können.
Spurensuche
in der Bibel
Aus Liebe kann große Kunst entstehen, hatte es in der Ankündigung geheißen. Und Prokop hatte sichtlich Spaß daran, genau dies wortwörtlich umzusetzen. Er rappte einen Auszug aus der Schöpfungsgeschichte aus der erstmals vor 20 Jahren erschienenen Volxbibel, legte das Wort Liebe mittels der Enzyklopädie „Deus caritas est“ von Papst Benedikt XVI. und des Hohenlieds Salomons aus dem Alten Testament aus und zitierte aus dem Korintherbrief über „Die Liebe…“
Wer wollte sich da nicht mitwiegen zum Schneewalzer des Akkordeons? Prokop kam auch auf die Antike zu sprechen, auf Odysseus, der sich der Macht der Musik, dem Gesang der Sirenen, nur durch das Sich-an-den-Mast-binden-lassen und Ohrenwachs erwehren kann, auf den Zyklopen Polyphem (der um die Meeresnymphe Galateia wirbt, aber: „Nicht jeder kann Adonis sein“), auf den antiken Sänger Orpheus, der vergeblich versucht, seine Geliebte aus dem Hades zurückzugewinnen („Kunst kann Berge versetzen“), auf den Minnesang, auf Goethes „Faust“ und Rilkes Gedicht über das Klosterleben „In der Certosa.“ Was für eine Punktlandung, als die fünf Sänger an der Stelle ergreifend das „Also hat Gott die Welt geliebt“ von Heinrich Schütz anstimmten.
TV-Serien, in denen Helden wie Batman oder Superman einsam bleiben, weil der Ruf der Pflicht ertönt, Netflix-Serien, wie die Vorgeschichte von „Breaking Bad,“ die davon handelt, wie aus dem unbedeutenden Anwalt Jimmy McGill der Gauner-Anwalt Saul Goodman wird. Dass die Produzenten das Johannes Brahmssche „In stiller Nacht“ zur Titelmelodie aufwerteten, sei ein Gewinn, befand Prokop. Kein Wunder also, dass Penta Vocalis dieses Lied sogleich ans Herz gehend der Prokopschen Deutung folgen ließ.
Wenn Männer von der Liebe träumen, dann kann das aber auch sehr poetisch, süßlich werden – etwa wenn Shakespeare von rosenblättrigen Lippen spricht– oder gar schwelgerisch, wenn Petrarca beispielsweise seine Laura anspricht. Die Musik setzte all die menschlichen Stimmungslagen, die Prokop mal ernst, mal mit Augenzwinkern servierte, plastisch und transparent um. Seien es Madrigale wie das „I love, Alas, I love thee“ von Thomas Morley, das „Bonjour mon coeur“ von Orlando di Lasso, der „modernere“ frohe Gesang von „Liebe und Wein“ von Felix Mendelssohn Bartholdy oder das für Gänsehaut sorgende vierstimmige „Ständchen“ von Adolf Eduard Marschner.
Traditionelle Weisen auf dem Akkordeon
Ihre instrumentale Entsprechung fanden die Lieder in den Akkordeonweisen wie der traditionellen Böhmerwald Polka oder dem „Böhmischer Traum“ von Norbert Gälle (Jahrgang 1964). Das „Goin‘ home“ von William Arms Fisher, einem Schüler Antonin Dvoraks, beschloss den Abend. Ein Abend voller Empfindungen, und der wie maßgeschneidert zur Konzertreihe „Suchers Seeoner Leidenschaften“ passte.