„Was schlummert noch alles in mir?“

von Redaktion

Interview Kulturreferentin Anke Hellmann über die Bedeutung von Kultur für Kinder

Prien/Rimsting – Unter dem Motto „Erleben und kreativ sein“ findet von Donnerstag, 15., bis Sonntag, 18. Oktober, das erste Kinder- und Jugendtheaterfestival im Chiemgau statt. Organisiert wird es vom Verband freier Kinder und Jugendtheater Bayern, der ein hochwertiges Kulturangebot für die junge Generation im ländlichen Bereich schaffen möchte. Im Interview erläuterte Anke Hellmann, Kulturreferentin des Landkreises Rosenheim, warum ein hochwertiges Kulturangebot für Kinder in ihren Augen wichtig ist und was Theater Netflix voraushat.

Was macht die kulturelle Teilhabe mit Kindern und Jugendlichen?

Wir wissen heute, dass kulturelle Teilhabe nachweislich gesundheitsfördernd ist – sie stärkt die seelische Widerstandskraft von Kindern und Jugendlichen. Deshalb wünsche ich mir, dass möglichst viele Eltern ihre Kinder früh an kulturelle Angebote heranführen. Andere Länder sind uns hier voraus: In Spanien blieben während der Pandemie Museen bewusst geöffnet – als Orte der Ruhe und des Rückzugs. In den Benelux-Staaten können Ärztinnen und Ärzte sogar Museumsbesuche verschreiben, weil man erkannt hat, dass diese das psychische Gleichgewicht fördern. Auch in Deutschland setzt sich dieses Bewusstsein langsam durch. In Berlin gibt es bereits ein Museum, das sich explizit der Achtsamkeit widmet. Studien zeigen, dass beim Genuss von Kunst und Kultur ähnliche Gehirnregionen aktiviert werden wie bei Meditation, Yoga oder Qigong. Menschen, die regelmäßig kulturelle Angebote wahrnehmen, bleiben nachweislich länger gesund, sind weniger anfällig für Ängste und gehen resilienter mit den täglichen Herausforderungen um. Gerade in einer Zeit, in der Kinder und Jugendliche ständig mit Krisenmeldungen konfrontiert sind, ist kulturelle Teilhabe ein wichtiger Schutzfaktor – egal, ob partizipativ oder rezeptiv.

Was ist das Besondere am Theater? Was können Kinder und Jugendliche dabei lernen?

Schon als junges Mädchen hatte ich das große Glück, viel Theater spielen zu dürfen. Diese Erfahrungen haben mich nachhaltig geprägt und sind für meine heutige Arbeit als Kulturreferentin von unschätzbarem Wert. Theater fördert nicht nur das Selbstbewusstsein – schließlich muss man erst einmal eine große Portion Mut aufbringen, vor anderen auf der Bühne zu stehen–, sondern auch Textverständnis und Empathie. Die braucht es, um sich in andere Rollen hineinzuversetzen, auf seine Mitspielerinnen und Mitspieler zu achten und seine Sinne zu schärfen. Ich halte es für besonders wertvoll, wenn Kinder und Jugendliche die Möglichkeit bekommen, sich auszuprobieren, ohne unter Leistungsdruck oder Notengebung zu stehen. Solche Räume erlauben es ihnen, ihre eigenen Fähigkeiten zu entdecken. Was schlummert eigentlich noch alles in mir und welches Potenzial habe ich denn noch? Umso bedauerlicher ist es, dass kulturelle Angebote an Schulen immer wieder gekürzt werden. Kreativität ist jedoch essenziell für die Entwicklung junger Menschen. Darstellendes Spiel, Kunst- und Musikunterricht helfen Schülerinnen und Schülern, sich selbst wahrzunehmen, ihre Persönlichkeit zu stärken und mit Selbstvertrauen durch ihre Schulzeit zu gehen.

Ihr Wunsch für das Kulturangebot für junge Menschen hier auf dem Land?

Wenn ich einen Wunsch frei hätte, dann wäre es ein dauerhaftes und möglichst niederschwelliges Angebot an kultureller Bildung. Unabhängig von der Größe einer Kommune, von Schulformen oder der Zahl der Lehrkräfte sollte jedes Kind die Möglichkeit haben, sich kreativ zu betätigen und kulturell zu entfalten. Mein Ziel wäre eine Art kulturelle Grundsicherung für junge Menschen auf dem Land.

Manchmal hat man das Gefühl, dass es Veranstaltern egal ist, was den Kindern vorgesetzt wird – nach dem Motto: „Hauptsache, für Kinder ist was geboten.“ Wie sehen Sie das?

Qualitätsvolles Kinder- und Jugendtheater bedeutet für mich weit mehr als bloße Unterhaltung. Es geht nicht darum, dass Kinder 50 Minuten still sitzen und bespaßt werden, sondern darum, emotionale und geistige Prozesse anzuregen. Theater kann wie eine Parabel wirken, die jungen Menschen hilft, Erfahrungen von der Bühne auf ihr eigenes Leben zu übertragen und neue Lösungswege zu entdecken. Deshalb ist es entscheidend, im Anschluss ins Gespräch zu kommen: Was haben wir gesehen? Wie verstehen wir das? Ein gutes Stück ermöglicht Perspektivenwechsel, fördert Empathie und regt dazu an, andere Sichtweisen einzunehmen. Kinder- und Jugendtheater ist damit auch ein wichtiger Beitrag zur Demokratiebildung. Es hilft jungen Menschen, zu reflektierten, mündigen Bürgerinnen und Bürgern heranzuwachsen – und das ist eine zentrale Aufgabe unserer Gesellschaft.

Also quasi „Wir ernten, was wir säen“?

Ich glaube, vielen ist noch nicht bewusst, dass wir heute die Grundlagen für das Publikum von morgen legen. Wenn wir möchten, dass unser kulturelles Erbe und unsere kulturelle Identität auch in Zukunft weitergetragen werden, müssen wir Kinder und Jugendliche schon jetzt an Kultur heranführen. Im Fachjargon nennt man das „Audience Development“: Es geht darum, den Zugang zu Kultur langfristig zu sichern und bereits im Kindesalter Neugier zu wecken. Wer später ein gebildetes, interessiertes Publikum haben möchte, muss heute die ersten Schritte gehen. Gerade in unserer Region, die seit Kurzem Weltkulturerbe-Region ist, stellt sich die Frage: Welches qualitativ hochwertige Angebot brauchen wir, um junge Menschen zu begeistern? Wir leben in einer Gegend, die reich an Schlössern, Burgen, Traditionen und kulturellen Schätzen ist. Es fehlt jedoch noch an klaren Strategien, wie wir Kinder und Jugendliche stärker in den Mittelpunkt rücken – nicht nur für die Einheimischen, sondern auch, um den Chiemgau als kulturellen Publikumsmagneten sichtbar zu machen.

Wie kann Theater gegenüber Netflix punkten?

Der Live-Charakter ist eines der großen Unterscheidungsmerkmale gegenüber dem digitalen Konsum, dem Kinder und Jugendliche täglich ausgesetzt sind. Alles, was ich auf dem Smartphone sehe, kann ich pausieren, unterbrechen oder nebenbei teilen. Aber ein gemeinsames Theatererlebnis – mit Eltern, Geschwistern, Freundinnen oder der ganzen Klasse – hinterlässt einen viel tiefer gehenden Eindruck als der zweidimensionale Konsum über einen kleinen Bildschirm. Theater kann Empathie wecken und Menschen emotional verbinden. Wir alle kennen das: Ein Live-Auftritt, ob Theater oder Konzert, schafft ein Gemeinschaftsgefühl, das kein Serienstreaming ersetzen kann. Diese Intensität macht das Live-Erlebnis so wertvoll – gerade für junge Menschen.

Ihr Wunsch für das Kinder- und Jugendtheaterfestival im Chiemgau?

Ich wünsche mir ein volles Haus – viele neugierige Zuschauerinnen und Zuschauer, die diese besondere Festivalstimmung live erleben und spüren, wie bereichernd es ist, etwas Neues auszuprobieren. Dieses Festival ist kein Event, das man einfach konsumiert und danach vergisst. Es fordert Kinder und Jugendliche heraus, regt sie zum Mitdenken und Mitmachen an und bietet Erfahrungen von hoher Qualität – nicht nur unterhaltsam, sondern auch partizipativ. Es geht darum, Kultur wirklich zu erleben – mit allen Sinnen.

Interview: Daniela Wolf

Theaterfestival Chiemgau

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