Berührender Vortrag: Bassbariton Hanno Müller-Brachmann und Pianist Jan Roelof Wolthuis. Foto Kirchner
Grassau – Auch ohne den Titel „Schaurig & Schön“ hätte der Balladenabend in der Villa Sawallisch seine Wirkung nicht verfehlt. Zum Salon mutierte das ehemalige Wohnzimmer der Villa. Und mit den vertonten Gedichten – dargeboten von Bassbariton Hanno Müller-Brachmann und Mezzosopranistin Barbara Emilia Schedel gemeinsam mit dem kongenialen Jan Roelof Wolthuis am Flügel – durfte man eintauchen in verschiedene Charaktere.
Lieder von
Loewe und Schubert
Balladen von Carl Loewe und Franz Schubert waren zu hören, schaurig und schön – wildes Terrain, wo die Toten tanzen und Könige sich grausam zeigen; royale Gemächer, wo edle Ritter und Sänger sich bewähren; sturmumtoste Meeresgestade und bukolische Landschaften. In jedem Vers lauert die Versuchung zur Theatralik, zur Opernhaftigkeit, zur Identifikation des Sängers mit dem lyrischen Ich. Und doch nahmen sich die Sänger viel Zeit, um mit stufenlosen Farb- und Dynamikveränderungen oder auch Perspektivenwechsel die jeweilige Ballade auszudeuten. Und der Pianist verstand es, mit kraftvollen Akkorden, perlenden Läufen und intensiven Dynamikabstufungen die richtige Atmosphäre zu schaffen – von dramatischer, durchschlagender Tiefe bis zu brillanter Höhe – oder eben auch zurückzutreten und einen durchsichtigen, leichten Untergrund zu bereiten. Wunderbar, wie Müller-Brachmann bei Loewes „Erlkönig“ und bei „Herr Oluf“ jeweils mehrere Gestalten personifizierte. Großartig, wie er beim „Totentanz“ beinahe rappte: „Nun hebt sich der Schenkel, nun wackelt das Bein, Gebärden da gibt es vertrackte; dann klippert’s und klappert’s mitunter hinein.“
Beim 23-minütigen Schubertschen „Taucher“ malte Müller-Brachmann virtuos das vom Meer umtoste Kliff. Mit Bangen verfolgte man, wie der Jüngling den Becher herauftauchte, man spürte die Grausamkeit des Königs und man ahnte, dass der Jüngling den zweiten Tauchgang nicht überleben wird. Müller-Brachmann zielt auf maximalen Ausdruck, nie auf den Effekt. Seine Technik ist bestechend. Die Töne sprechen in jeder Lage und Lautstärke sofort an. Textbewusstsein führt nie zu einer Überprononcierung. Mit Wolthuis am Flügel ergaben sich da auch aparte Kontraste. Der ging nicht nur flexibel mit, sondern war zuweilen oft Konterpart oder dialogisches Gegenüber und schob sich zuweilen vor den Bariton. Und doch passte gerade diese Ausdrucksgewalt zum Motto.
In großen
Spannungsbögen
Mezzosopranistin Schedel gab zwei Lieder zum Besten: „Kleiner Haushalt“ von Loewe und „Der Fischer“ von Schubert. Mezzospran und Flügel musizierten dynamisch und im großen Spannungsbogen. Bei „Der Fischer“ bewies Schedel zudem, dass ihre geschmeidige Stimme auch zum Ausdruck enormer Zartheit fähig ist: „Halb zog sie ihn, halb sank sie hin.“
Abwechselnd sangen die beiden Sänger noch „Der Zwerg“ von Schubert. Die Zugabe dann: ergreifend schön. Mezzosopran und Bassbariton ließen anmutig „Tom der Reimer“ (ein Lied von Loewe) und seine Elfenkönigin durch den grünen Wald bei Vogelsang und Sonnenschein reiten. „Und wenn sie leicht am Zügel zog, so klangen hell die Glöckelein.“ Der Balladenabend in der Villa Sawallisch: schaurig, aber auch berührend schön.