„Die Räuber“ sind alle Mädchen

von Redaktion

Interview Die Regisseure über experimentelles Theaterprojekt mit Oper und Schauspiel

Rosenheim – „Die Räuber“ gibt es als Schauspiel von Schiller, aber auch als Oper von Verdi, wo sie „I Masnadieri“ heißen. Der in Stephanskirchen wohnende Bassbariton Franz Hawlata wollte die Oper erklärt und erläutert aufführen und wendete sich dafür an den aus Schloßberg stammenden Regisseur Sebastian Kießer von der „Innszenierung“. Nun wird es gleichsam ein Hybrid-Projekt: Schauspiel und Oper werden zusammengeführt, verschränkt und gleichzeitig aufgeführt. Geprobt wird derzeit fleißig im Rosenheimer Schüler- und Studentenzentrum. Im Interview erklärten beide Regisseure, warum und wie dieses ungewöhnliche Projekt verwirklicht werden soll und warum alle Rollen von Frauen gespielt werden.

Wer von Ihnen beiden hatte die Idee?

Sebastian Kießer: Es war die Idee von Franz, und Lonika Herzog vom Kulturclub Stephanskirchen hat den Kontakt geknüpft. Wir haben uns sofort verstanden. Wir wollen eine unbekannte Oper mit wahnsinnig toller Musik mit dem Schauspiel verknüpfen. Das Schöne ist, dass wir ein junges Amateur-Schauspiel-Ensemble haben, das zu diesem revolutionären Sturm-und-Drang-Drama passt: Wir dürfen mal laut werden…

Franz Hawlata: …mal rotzig!

Was hat Sie, Herr Hawlata, überhaupt zu dieser Idee bewogen?

Franz Hawlata: Ich habe gemerkt, dass die Zuschauer Erklärungen haben wollen und brauchen. Bei den „Räubern“ dachte ich immer: Wenn Profis die Räuber spielen, ist es oft eine museale Angelegenheit. Mich hat von Anfang an gereizt, dass das junge Leute machen, Leute, die nichts mit dem Theaterberuf zu tun haben, die diesen Text ganz unbeleckt und frei sprechen. Und dann kam die Superidee von Sebastian: dass es alles Mädchen sind!

Moment: Herr Kießer, Sie haben sich also etwas überlegt:

Kießer: Schnell war für mich klar: Ich will keine „Räuber“ machen, wie wir es in der Schule gelesen haben. Mich stört an diesem Stück, dass die Amalia immer hin- und hergeschubst wird. Ein Mensch darf nicht so bevormundet werden. Dann kam mir die Idee: Wenn das alles Frauen sind, dann zeige ich automatisch: Wie mit dieser Amalia umgegangen wird, kann man nicht umgehen. Am Anfang war sogar die Idee, Amalia stumm zu machen und nur als Opernsängerin singen und als Tänzerin tanzen zu lassen. Dann dachte ich aber: Mist, dann hat die Frau gar keine Stimme mehr. Dann war die Idee auf einmal da: Es muss ein Frauenchor sein!

Hawlata: Das Stück hat ja seinen Machismo, Räuberromantik und Pfadfindergetue, mit Männern ums Lagerfeuer, das ist schon sehr altmodisch. Deshalb war ich total überzeugt von dieser Idee, dass es junge Frauen spielen! Frauen haben auch diese Konflikte wie Ehre und Rache, Liebe und Eifersucht und Verzweiflung.

Haben die Schauspielerinnen sich dann innerlich gewehrt gegen diesen Text, der von Männern so männlich handelt?

Kießer: Das ist eine spannende Frage. Ich wollte den Damen die Freiheit geben, den Text mehr als Orientierung zu nutzen, weil ich echte Emotionen haben will. Das hat ihnen geholfen, diese Emotionen in sich zu entdecken. Sie haben dann aber in den Proben gemerkt: Das funktioniert ja auch mit dem Originaltext!

Ist denn der gesprochene Text jetzt der Originaltext?

Kießer: Wir haben drei Szenen, die nicht original Schiller sind, sonst ist alles Schiller.

Eine Oper zusammen mit einem Schauspiel: Dauert die Aufführung dann doppelt so lang?

Kießer: Uns war klar: Jeder Part darf maximal eine Stunde dauern. Wir sind jetzt bei einer Stunde Musik und rund 45 Minuten Schauspiel, dazu gibt’s eine Pause.

Hawlata: Wir haben Rieseneingriffe gemacht, einige Arien und alle Chorstellen gestrichen.

Was machen die Schauspielerinnen, wenn die Sänger singen?

Kießer: Wir verzahnen an bestimmten Stellen, sodass sie mit auf der Bühne sind. Bei Arien spielen Karl und Franz, was gesungen wird. An anderen Stellen treten wir ganz bewusst zurück.

Es gibt also zwei Frauen, die Franz und Karl spielen und einen fünfköpfigen Damenchor? Was ist dessen Rolle?

Kießer: Der Chor ist eine Art Gewissen…

Hawlata: …im antiken, tragödienhaften Sinn, der auch kommentiert.

Kießer: Wir wollen die Schicksalsfrage stellen, die ja auch Franz Moor stellt: Warum ist Karl Erstgeborener? Warum schaue ich so aus, wie ich ausschaue? Warum sind die Menschen zu mir gemein? Warum gelingt meinem Bruder alles, warum darf er studieren, während ich hier zu Hause sitze? Und wer trifft diese Entscheidungen? Wie viel davon ist Prädestination? Wie viel habe ich selbst in der Hand? – Diese Fragen stellt der Chor den Zuschauern: Ihr habt es in der Hand, wählt aus: Wer ist heute Abend Karl, wer ist Franz?

Beide Schauspielerinnen müssen also den gesamten Text lernen?

Kießer: Ja.

Hawlata: Es gibt drei Ebenen. Es gibt den Schiller-Originaltext, es gibt Verdis Originalmusik und es gibt diese Kommentare, die diese ganzen räuberromantischen Szenen ersetzen. Wir versuchen, uns wirklich auf das psychologische Viereck zu konzentrieren, auf den Vater, die zwei Söhne und die von ihnen geliebte Frau, die die Folie für den Hass zwischen den beiden Brüdern bildet. Natürlich kann man Schiller nicht machen ohne die Vergewaltigungs- und Brandschatzungsszenen, aber da setzen wir den Chor als Kommentator ein – als dritte Ebene.

Der Vater singt, Amalia singt – Franz und Karl singen nicht?

Kießer: Franz und Karl sind gedoppelt: Sänger und Schauspielerinnen. Wir haben zwei Brüder im Zentrum und wir stellen die Frage: Was macht einen zu einem guten Menschen, was zu einem bösen? Beide handeln aus ihrem Gerechtigkeitsempfinden heraus. Der eine sucht die Gerechtigkeit in sich, der andere will eine gesellschaftliche Gerechtigkeit erreichen. Und Amalia wird dabei eine Projektionsfläche. Es geht um jemanden, der besessen werden soll. Dadurch, dass nun alles Frauen sind, wird klar: Wir streiten uns nicht mehr um eine Frau – wir streiten um irgendwas. Knotenpunkt bleibt der Vater. Er ist der Einzige, der sowohl singt als auch spricht und spielt.

Agieren die Schauspielerinnen mit der Amalia?

Kießer: Der Damenchor führt diese Frau. Sie spricht nicht selbst, der Chor spricht für sie. Sie hat aber trotzdem Gefühle, und wenn sie ihre Arien schmettert, sieht man, was in diesem Wesen steckt – das von Männern in eine Form gepresst werden soll.

Das Orchester ist ein Klavier?

Hawlata: Ja. Es spielt Stellario Fagone, einer der größten Verdi-Experten, die ich kenne.

Herr Hawlata, wird deutsch oder italienisch gesungen?

Hawlata: Italienisch natürlich! Aber alles wird deutsch übertitelt.

Gibt es Kostüme oder Alltagskleidung?

Kießer: Die Opernsänger schauen opernmäßig aus, unsere Chordamen werden in weißen Kleidern erscheinen – die vielleicht ein bisschen schmutzig werden. Franz und Karl sind am Anfang als Wesen wie aus einem Nichtzustand gekleidet.

Hawlata: Ich habe „I Masnadieri“ schon einmal gesungen, mit Jonas Kaufmann, und ich habe mir gedacht: Es ist eigentlich viel zu schade, es nur so zu spielen. Denn die Musik hat eine unfassbare Dichte, Kraft und Leidenschaft, und dies passt gut zum jungen Schiller. Verdi hat ja die Rolle der Amalie zu einer Riesenrolle aufgewertet – und da crashen ja zwei dramaturgische Entwürfe aufeinander: Meines Wissens gab es noch nie eine Oper mit integriertem Schauspiel. Es ist ein nie gewagtes Experiment!

Interview: RAINER W. JANKA

Premiere am Freitag